Willkommen auf JurisPedia! Sie sind dazu eingeladen, ein Benutzerkonto einzurichten und zu teilzunehmen. Sie dürfen dafür neue Beiträge schreiben oder bearbeiten, oder die Suchemaschine im Recht Ihres Landes verbessern. Nutzer sollten die Lizenzbestimmungen lesen.
Es gibt zur Zeit 14.975 in ständiger Konstruktion …

Urteilskunst

aus jurispedia, das gemainsame Recht
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel ist ein Entwurf für ein Rechtsthema. Ihr könnt mit Bearbeitung Inhalte einfügen oder ändern. Ihr könnt auch die Suchmaschine benutzen…

Suche im Recht weltweit 20px-International.png
Google Custom Search

Hauptseite > Rechtswissenschaft > Urteil > Juristische Bildung > Kunst und Recht
International.png



Rechtsphilosophische Betrachtungen auf den Sprachspuren Friedrich Schillers

Ein spielerisches Werk kann sich durch seine Schönheit selbst rechtfertigen, und wo die Spielzüge nicht für sich selbst sprechen, da wird die schriftliche Spielregel auch nicht viel verbessern können. Die spielenden und zuschauenden Menschen könnten es also dem prozessualen Spielverlauf selbst überlassen, mit eigener bildhafter Sprache zu sprechen, wenn dieser auf die richtige Art zur richtigen Darstellung genutzt wird.

Jede Gerichtsverhandlung wird erst durch die Einhaltung der Prozessregeln zu einem staatskünstlerischen Werk: Juristinnen und/oder Juristen liefern nur die gesprochenen Worte, gesetzliche Prozessregeln müssen hinzu kommen, um diese Worte auch rechtlich geltend und damit wirksam zu machen. Solange also dem Gericht diese sinnlich wahrnehmbare Ordnung aus der Sicht der Staatsbürgerinnen und Staatsbürger fehlt, solange wird es in der Ökonomie des bürgerlichen Konflikts als ein Außending, als ein fremdartiger Raum, und als ein Gegner erscheinen, der nur den Gang des gesellschaftlichen Lebens unterbricht, der die Illusion des Friedens stört und das Publikum oft in Angst erschaudern lässt. Um dem Gericht dessen Gerechtigkeit zu ermöglichen, müssen sich die Beteiligten selbst als Menschen von ihrer wirklichen Bühne des Lebens auf eine gelernte künstlich-juristische versetzen (lassen), auf der nicht länger der bloße Bedürfnisausgleich des Talionsprinzips die Gerechtigkeitsempfindung wieder herstellt. Was die Gerichtskunst allmählich erwerben sollte, ist die schrittweise rechtspraktische Entschränkung der richterlichen Urteilsfindung unter der evaluierenden Kontrolle des europäischen Berufsrichterkollegiums.

Nicht das Staatsvolk entzieht nämlich der Gerichtskunst ihr Ideal der Gerechtigkeit. Jede schlechte Richterin und jeder schlechte Richter enttäuscht das Laienpublikum im Prozess und bei der Urteilsverkündung. Das Volk ist naturgemäß mehrheitlich empfänglich für das Wahre und Gute. Der Mensch tritt sein bescheidenes Leben mit individuellen Bedürfnissen und Vermögen an. Er erfreut sich kindlich an verständigen und rechten Dingen. Wenn er aber einmal damit angefangen hat, sich mit dem Schlechten zu begnügen, so wird er gewohnheitsrechtlich damit aufhören, von seiner staatsbürgerlichen Gesellschaft das Vortreffliche auch für sich selbst einzufordern.

Die Richterschaft arbeitet gewöhnlich nach ihrem berufsrechtlichen Ideal, die Verfassungsrichter urteilen nach rechtphilosophischen Ideen, in jedem Einzelfall lenkt das allgemeine Bedürfnis nach Gerechtigkeit die ausübende Rechtsprechung zur nationalen juristischen Kunstfertigkeit hin, wenn die richterliche Unabhängigkeit verfassungsrechtlich gewährt wird und bleibt. Der Rechtsstaat will weiter bestehen, die Juristenschaft will sich berufspraktisch beweisen, die interessierte Bürgerschaft will zugleich beruhigt und in Rührung versetzt werden. Die Beruhigung ist ein menschliches Grundbedürfnis, dem auch die religiösen Lehren von der göttlichen Gerechtigkeit entgegenkommen.

Indem die rechtsschöpferischen Juristinnen und Juristen ihre Gerichtsverhandlungen künstlerisch gestalten, können sie das Mitempfinden des Publikums steigern und zur unmittelbaren Erkenntnis von Gerechtigkeit führen. Der Prozess sollte wie ein ernstes Spiel geführt werden. Alle Kunst ist der Freude gewidmet, und es gibt keine höhere und keine ernsthaftere Aufgabe, als die Menschen von Angst zu befreien. Die gerechteste Urteilskunst ist nur diese, welche den höchsten Grad an Freiheit in der Gesamtbetrachtung aller Beteiligten verschafft. Der höchst mögliche Freiheitsgrad des Menschen ist aus juristischer Sicht immer die uneingeschränkte Handlungsfreiheit im lebendigen und gerechten, d.h. schönen Spiel aller gesellschaftlichen Kräfte.

Jeder Mensch erwartet traditionell von der richterlichen Kompetenz eine gewisse Befreiung von den als ungerecht empfundenen Schranken seines Lebens. Menschen wollen sich an ihren gesellschaftlichen Möglichkeiten ergötzen und ihrer individuellen Persönlichkeitsentfaltung möglichst viel Raum geben. Auch der/die Ärmste will doch zumindest sein/ihr Geschäft, sein/ihr gemeines Leben, sein/ihr Individuum erhalten, er/sie will sich in friedlichen und geordneten Lagen fühlen, sich an die seltsamen Kombinationen des Zufalls anpassen. Menschen wollen die moralische Weltregierung, die im wirklichen Leben in der Regel vermisst wird, zumindest im Gerichtssaal vorfinden. Deshalb ist es für Gutgläubige besonders schlimm, wenn ihr negatives Fallbeispiel nach der Gerichtsverhandlung so geblieben ist, wie es vorher war – ungerecht. Gutgläubige lernen dann ihre bisherige Achtung vor dem Gesetz als einen gefälligen Wahn kennen, der bei ihrem persönlichen Erwachen leider zerplatzt ist. Manche werden deshalb zu Anarchisten oder Terroristen, andere vollziehen ihre Selbsttötung, einige werden Selbstmordattentäter(innen) …

Die echte Richterkunst hat es nicht nur auf ein vorübergehendes Gerichtsspiel abgesehen. Sie will vielmehr Menschen im Rechtsstaat wirklich und dank ihrer beruflichen Tat ein Stückchen freier machen. Richter(innen) tun dies, indem sie die fallbetroffenen Ichkräfte von Täter(inne)n und Opfern (wieder)erwecken, einüben, ausbilden, stärken. Die gesellschaftliche Welt, die wie eine blinde Macht auf den Menschenvölkern lastet, soll in eine objektive Form gebracht werden, in ein rechtlich geordnetes Werk des Menschengeistes verwandelt werden, das das gesellschaftliche Chaos durch Rechtsideen nachhaltig positiv steuern kann. So errichtet die Richterkunst allmählich auf dem festen und tiefen Grund der Natur ihr ideales abstraktes Gebäude. Die traditionellen Gerichtsgebäude werden zunehmend wieder als rechtsstaatlich bildende Konfliktmanagementstätten (= Thingstätten) dienen.

Wem die Natur zwar einen treuen Sinn und eine Innigkeit des Gefühls verlieh, aber die schaffende Einbildungskraft versagte, der wird nur ein treuer Hüter des alten Rechtspraktischen sein. Er wird die zufälligen Erscheinungen, aber nie den Geist des Rechts ergreifen. Nur den Stoff der Welt, d.h. das Materielle, wird er uns wiederkäuen, aber dies wird nicht unser eigentliches Menschenwerk, nicht das freie Produkt des bildenden Menschengeistes sein. Die wohltätige Wirkung der Gerechtigkeit liegt in der Erhöhung des Freiheitsgrades begründet. Ein befangener Richter verhindert Gerechtigkeit und ist daher innerlich berufsuntauglich. Richter(innen) ohne Gemüt oder Charakter kümmert die Wahrheit nicht. Sie spielen ihr Richteramt nur vor, wollen sich selbst als mächtig oder unterhaltend zeigen. Ihr persönliches Anliegen ist nicht die Gerechtigkeit im Rechtsstaat. Richterkunst kann nur im Ideellen wahr sein. Der ästhetische Staat des schönen Umgangs kommt nur zur Geltung, wenn das Gericht es schafft, den Geist der Gerechtigkeit vor die Einbildungskraft aller Beteiligten zu stellen. Jeder Tag im Gerichtsgebäude ist ein realer, die Architektur dort macht meist einen mächtigen Eindruck auf die Parteien. Die juristische Sprache wirkt kalt und sachlich, so dass der Ernst des Lebens das Spiel leicht zerstören kann.

Durch die Einführung einer vorübergehenden lateinischen Sprachkultur bei Gerichtsverhandlungen hatte man sich in Europa der künstlerischen Tragödie nach und nach angenähert. Die allgemeine Erkenntnis des Spielcharakters einer Gerichtsverhandlung wäre der letzte, der entscheidende Schritt. Die Mauern der Gerichtsgebäude sollten nun zusätzlich virtuelle Mauern bekommen, die den idealen Boden der richterlichen Unabhängigkeit spirituell bewahren. Das alte Gericht, das ursprünglich durch Götter und Kaiser mit Hilfe des postulierten Gottesgnadentums gerechtfertigt wurde, benötigte das Ritual als eine notwendige Spielbedingung zur Glaubwürdigkeitsmachung. Die Gerichtsverhandlungen und Urteile der germanischen Könige waren meist öffentlich. Das Spiel war allgemein sichtbar. In der modernen Gerichtsverhandlung wird das Gerechtigkeitsspiel zu einer gesetzlich geregelten Kunstform. Es hilft, fallbezogene Wahrheit und Gerechtigkeit durch prozessuale Rechtschöpfung hervor zu bringen bzw. zu gebären. Moderne Richterinnen und Richter müssen das Gerichtsspiel kunstfertig erschaffen und selbst Arbeitstag für Arbeitstag hervorbringen. Sie müssen am Rechtsfall eine solche Veränderung vornehmen, dass er alle Beteiligten wie in einem Spiel in die Tatvergangenheit zurückversetzt. Dann kann Erkenntnis im Prozess stattfinden.

Die modernen Gerichte haben sich von den Toren der Städte in das Innere der staatlichen Gebäude zurückgezogen, die Schrift hat das lebendige Wort verdrängt, das Staatsvolk selbst ist zum abstrakten Rechtsstaat geworden, die Götter sind in die Brust des Menschen zurückgekehrt. Die Richterschaft muss die Ehrfurcht einflößenden Paläste und Tempel virtuell neu erschaffen, sie muss ihre Gerichte durch öffentliche Sitzungen wie unter freiem Himmel (wieder) an die Öffentlichkeit herausführen, sie muss die Götter in abstrakter Form als ethische Werte wieder aufrichten, sie muss alles künstliche Machwerk an den Menschen und um dieselben herum, das die Erweckung seiner humanen Natur und seines ursprünglich guten Charakters hindert, wie der Bildhauer die überflüssige Masse, abtragen. Der Indifferenzpunkt des Ideellen und Sinnlichen während einer Gerichtsverhandlung entsteht durch die gespielte Schwankung der beiden „Waagschalen“ der Justiz.

Die menschliche Gerichtsverhandlung wird durch seine Prozessregeln rechtlich gestaltet. Rechtspraktische Gesetzesinterpretation hilft die richtigen Resultate für das Leben zu ziehen, die Lehren der Weisheit zu hören, phantasiereiche Juristenvorträge zu halten. Gemeinsame Spielregeln reinigen das tragische Gericht, indem sie die Reflexion von den Gerichtshandlungen abzusondern helfen. Durch diese Absonderung wird freie Urteilskraft erst möglich. Das Spiel bringt Ruhe in die Gerichtsverhandlungen, eine schöne und hohe Ruhe, die den Charakter erhabener Veranstaltungen besitzen sollte.

Das Gemüt des Publikums sollte trotz möglicher heftiger Passionen seine Freiheit bewahren können, es sollte kein Raub der Eindrücke werden, sondern sich immer klar und tapfer von den Rührungen scheiden, die es kollektiv erleiden muss. Was das gemeine Urteil am Spiel zu tadeln pflegt, dass es den Ernst aufhebe, dass es die Gewalt der Affekte breche, das gereicht ihm hier zu seiner höchsten Empfehlung, denn eben diese blinde Gewalt der Affekte ist es, die die professionelle Juristenmannfrauschaft weitgehend vermeiden will. Wenn die Schläge, womit der Ernst des Rechtsfalles unser Herz trifft, ohne Unterbrechung aufeinander folgten, so würde das Leiden über die Tätigkeit siegen. Wir würden uns mit dem Stoffe vermengen und nicht mehr über demselben schweben. Dadurch, dass das Spiel die Teile auseinander hält, und zwischen die Passionen mit seiner beruhigenden Betrachtung tritt, gibt es uns unsere Freiheit zurück, die uns im Sturm der Affekte regelmäßig verloren geht. Auch die Angeklagten selbst bedürfen dieses Anhalts, dieser Ruhe, um sich zu sammeln; denn sie sind nicht nur mutmaßliche Täter, die bloß der Gewalt des Moments gehorchen, und bloß einer Straftat zu überführende Menschen darstellen, sondern sie sind auch rechtsfähige Personen und Repräsentanten unserer Gattung, die das dunkle Tiefe der Menschheit individuell aussprechen. Die Gegenwart des Gerichtsspiels, das wie ein richtender Zeuge die möglichen Täter(innen) vernimmt, und die möglichen Ausbrüche ihrer Leidenschaften durch seine Dazwischenkunft bändigt, motiviert die Besonnenheit, mit der sie nun handeln können, und die Menschenwürde, mit der sie nun reden wollen. Sie gestehen gewissermaßen in einem natürlichen Theater, weil sie vor ihrem Publikum sprechen und handeln können. Sie werden deshalb desto tauglicher für ihr späteres Leben, je besser das Gerechtigkeitsspiel vor Gericht gelingt.

Siehe auch

International.png Den Begriff Urteilskunst im weltweiten juristischen Web finden