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Spieltheorie in der Rechtssoziologie

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Der Fall eines KZ-Gefangenendilemmas in sozialwissenschaftlicher Betrachtung

Im Jahr 1940 gab es im deutschen Emsland im Bourtanger Moor nahe an der niederländischen Grenze das Lager Neusustrum. Es war eines der vielen Konzentrations-, Gefängnis- und Zuchthauslager, wie sie die Nationalsozialisten bereits seit 1933 im Deutschen Reich eingerichtet hatten, um politische Regimegegner, unliebsame Intellektuelle, Pfarrer, Mönche und Mitglieder der christlichen Jugendbewegung, die sich geweigert hatten, in die Hitlerjugend (Vatersakrament???) überzutreten, im Moor zusammenzupferchen. Dort wurden die Gefangenen systematisch gequält und langsam und auch durch aktive Hilfe der SS- oder SA-Männer durch Zwangsarbeit seelisch und körperlich vernichtet (= Brechen des Eigenwillens mit Gewalt).

Das um Neusustrum liegende Moorland sollte durch die Zwangsarbeiter melioriert werden, d.h. die landwirtschaftliche Bodenqualität sollte langfristig verbessert werden. Jeder Gefangene bekam ein drei bis fünf Meter langes und zwei Meter breites Stück Land zugemessen. Er musste die Erde Schicht für Schicht ausschaufeln, bis er auf den natürlichen Sandboden kam. Die schwarze, mit Feuchtigkeit getränkte Moorschicht wurde abtransportiert und woanders untergebracht. Die Arbeit war sehr schwer und anstrengend und bei jedem Wetter auszuführen. Manche der Gefangenen fielen irgendwann entkräftet um. Dann sprangen andere spontan hinzu, was sie eigentlich nicht durften - jeder hatte in seinem Graben zu bleiben -, um den Gefallenen aufzurichten und um ihm Wasser einzuflößen. Wenn das die SS-Wachmänner sahen, schlugen sie auf den Ohnmächtigen mit ihren Gummiknüppeln los. Jene, die dem Unglücklichen geholfen hatten, wurden auch verprügelt. Derjenige, der nicht mehr aufstehen konnte, wurde einfach liegengelassen. Nur ab und zu während des Arbeitstages kam ein SA-Mann vorbei und gab ihm einen Tritt zur Kontrolle. Am Feierabend mussten die Kameraden den Ohnmächtigen oder bereits Toten den ganzen langen Weg zurück ins Lager tragen. Dann wurde er mit einem Wagen fortgeschafft. Niemals kehrte einer dieser Unglücklichen wieder zurück.

Eine kleine Gruppe von fünf Männern kam eines Tages zusammen und beschloss, etwas gegen den Menschenhass und die Menschenverachtung zu unternehmen. Denn wenn nur einer mit seiner Pensumsarbeit nicht fertig wurde, dann mussten alle so lange arbeiten, bis der Unglückliche, der der völligen Erschöpfung nahe war, die Arbeit doch noch vollenden konnte. Zum erzwungenen Mitleiden musste die ganze Abteilung stundenlang vor dem Lager exerzieren. Das war die inhumanste Spitze des Zynismus und des Sadismus: Die ausgemergelten Gestalten mussten Dauerlauf machen, robben, Knie beugen, und ihnen wurde das karge Abendessen entzogen. Die SA-Männer liefen hin und her und traktierten jene, die die Übungen nicht nach Vorschrift machten, mit Gummiknüppeln. Die Männer der Fünfergruppe lernten durch diese schrecklichen Erfahrungen am eigenen Leib, ihre Arbeit schnell und zügig zu machen, ohne sich hervorzutun und durch diese Bravour zu veranlassen, dass das Arbeitspensum für alle noch vergrößert wurde. Vielmehr wählten sie ihre Gräben so, dass neben ihnen stets ein Gebrechlicher war. Wenn sie fertig waren mit ihrem eigenen Graben, spähten sie, ob sie kein Wachmann beobachtete, dann sprangen sie in den Graben des Nachbarn und dieser kletterte in den anderen, so dass es allen immer besser gelang, das Pensum zu schaffen. Allmählich schlossen sich noch andere Kameraden an, so dass das grausame Strafexerzieren auf dem Lagerplatz fast ganz aufhörte und es weniger „Gefallene“ gab. So bildete sich unter unmenschlichem Zwang eine neue kooperative Ordnung der Brüderlichkeit heraus.[1]


Fußnoten

  1. Die Geschichte bzw. der Strafrechtsfall ist entnommen aus: Wladimir Lindenberg, Geheimnisvolle Kräfte um uns, Kurzgeschichten von schicksalhaften Begegnungen, Ernst Reinhardt Verlag, München/Basel 1974; Begegnungen, S. 80 ff.


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