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Sexualkunde-Entscheidung (de)

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Am 21.12.1977 beantwortete das Bundesverfassungsgericht mit BVerfGE 47,46 die heikle Frage, ob Eltern und/oder die deutschen Schulen für die zeitgemäße Sexualerziehung von Jugendlichen in Deutschland zuständig sind. Die Grundrechte aus Art. 6 Abs. 2 Satz 1 GG, Art. 7 Abs. 1 GG und Art. 2 Abs. 1 GG wurden dafür gegeneinander richterlich abgewogen.

Gemäß Art. 6 Abs. 2 GG haben Eltern das Recht, die Erziehung ihrer Kinder nach ihren eigenen Vorstellungen – im Einzelfall mit Vorrang vor anderen Erziehungsträgern - zu gestalten.

Zum staatlichen Gestaltungsbereich in der Schulerziehung gehören sowohl die organisatorische Gliederung der Schulen als auch die inhaltlich-begriffliche Festlegung von Ausbildungsgängen und Unterrichtszielen bei Pflichtschulen. Deshalb darf der deutsche Rechtsstaat gemäß Art. 7 Abs. 1 GG eigene Erziehungsziele verfolgen. Beide Grundrechte sind verfassungsrechtlich gleichrangig. Der deutsche Rechtsstaat ist aufgerufen, das einzelne Kind zu einem selbstverantwortlichen Mitglied seiner demokratischen Bürgergesellschaft heranzubilden.

Die Sexualität weist bekanntlich vielfache gesellschaftliche Bezüge auf. Sexualverhalten (z.B. Beschützerinstinkt und Bruttrieb) ist ein mächtiger Teil des Allgemeinverhaltens. Deshalb kann es dem Staat auch nicht verwehrt sein, Sexualerziehung als wichtigen Bestandteil der Allgemeinerziehung von jungen Menschen auf seinem Staatsgebiet zu betrachten. Dazu gehört es ganz selbstverständlich, die Jugendlichen vor sexuellen Gefahren, z.B. vor sexuellem Missbrauch Minderjähriger, zu warnen. Hier ist Art. 2 Abs. 1 GG zu beachten. Denn der Intim- und Sexualbereich des Menschen ist Teil der Privatsphäre und steht unter dem besonderen Schutz der beiden Grundrechte Art. 2 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 1 Abs. 1 GG. Demnach darf ein volljähriger Mensch in Deutschland grundsätzlich selbst bestimmen, ob und in welchen Grenzen er Einwirkungen Dritter auf seine Intimsphäre hinnehmen will.

Die psychiatrische Erfahrung und Wissenschaft lehren uns heute, dass gerade Jugendliche durch pädagogisch falsch angelegte Erziehungsmaßnahmen auf dem Gebiet der Sexualität seelisch verletzt (= Trauma) und in ihrer Entwicklung schwer beeinträchtigt werden können. In Abwägung aller möglichen Grundrechtskollisionen rief das höchste deutsche Gericht die zuständigen Landesparlamente zu Leitentscheidungen mit hinreichender Bestimmtheit zum Thema Sexualkundeunterricht auf. Dabei hätten die Landesgesetzgeber darauf zu achten, dass die Anleitungen zur Durchführung des Sexualkundeunterrichts der pädagogischen Freiheit der Lehrerinnen und Lehrer in den einzelnen Klassen genügend Raum lassen. Einzelheiten der Lehr- und Lernmethoden können grundsätzlich nicht der gesetzlichen Regelung vorbehalten sein, da sie kaum normierbar sind – was auch die deutsche Geschichte deutlich gezeigt hat.


Rechtshistorische Betrachtung

Noch unter der strengen Kirchenzensur bildete sich im 19. Jahrhundert die moderne Sexualwissenschaft zuerst als Perversionsforschung in der Psychiatrie heraus. Das unberechenbar Triebhafte, das pubertäre Chaos und besonders die ungewöhnliche Sexualität sollte wissenschaftlich eingeordnet werden. Deshalb katalogisierten die Ärzte zunächst die beobachteten Phänomene und benannten sie: Exhibitionismus, Fetischismus, Frotteurismus, Gerontophilie, Masochismus, Pädophilie, Sadismus u.a. Eines der ersten großen Fachbücher auf Deutsch wurde im Jahr 1886 veröffentlicht. Es hatte noch einen lateinischen Titel: „Psychopathia sexualis“. Damit war die sexuelle Neugier der Leserschaft im deutschsprachigen Raum geweckt. Die sexuelle Revolution nahm ihren Lauf – durch zwei Weltkriege hindurch – und hatte ihren ersten Erfolg mit dem In-Kraft-Treten des deutschen Grundgesetzes im Jahr 1949. Der Artikel 3 garantiert Männern, Frauen und unklaren menschlichen Geschlechtswesen die Gleichheit vor dem Gesetz!

Die neue Sexualwissenschaft übernahm zunächst das rein biologische Ordnungssystem von Carl von Linné (1707 – 1778) zur Katalogisierung der zahlreichen sexuellen Phänomene. Nach den innerlichen Gefühlen der (perversen) Probantinnen und Probanten fragte niemand! Damit sprach man ihnen aber faktisch Menschenrechte ab! Das strenge Sexualstrafrecht der Aufklärung unterschied sich deshalb auch kaum vom religiös begründeten Strafrecht des Mittelalters. Die Sexualforscher um die Jahrhundertwende (= nur Männer) untersuchten zunächst hauptsächlich die relativ häufige Homosexualität. Sie widersprachen in ihren zahlreichen wissenschaftlichen Werken dem alten Vorurteil, dass Homosexualität ein Laster bzw. eine moralische Degeneration sei. Diese ersten Erkenntnisse über die natürliche menschliche Sexualität führten zur Hormonforschung ab 1910. In den Vereinigten Staaten von Amerika wurden zwischen 1938 und 1953 Tausende von Frauen und Männern über ihr Sexualleben befragt. Die sexualwissenschaftliche Auswertung ging als „Kinsey-Report“ (Alfred Charles Kinsey 1894 - 1956) in die Moralgeschichte ein. Der englischsprachige Report erschien erstmals im Jahr 1948 und wurde sofort ein Verkaufserfolg, denn die Menschen suchten dringend eine Neuorientierung nach den beiden schrecklichen Weltkriegen.

Die „Sexualtherapie“ durch unterschiedliche heilpädagogische Behandlungsformen entwickelte sich in den 70er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts nach Christus. Jetzt hatten sich die Frauen endlich wieder in die ärztlichen, psychologischen und heilpraktischen Berufe – von Männern anerkannt - vorgearbeitet. Die Sexualwissenschaft erforschte jetzt auch die normale Sexualität der Liebes- bzw. Geschlechtspartnerschaften. Ihr modernes Ziel einer angst- und konfliktfreien Sexualität für alle Menschen haben die rechtsstaatlichen Gesellschaften aber wohl noch lange nicht erreicht. Die Reform der Familienrechte befindet sich mehr oder weniger in Rechtsfortbildung


Siehe auch

De flag.png Den Begriff Sexualkunde-Entscheidung im deutschen juristischen Web finden
De flag.png Den Begriff "BVerfGE 47, 46" im deutschen juristischen Web finden
De flag.png Den Begriff "Kinsey Report" im deutschen juristischen Web finden
Us flag.png Den Begriff "Kinsey report" im Vereinigten Staaten juristischen Web finden
Us flag.png Den Begriff "Alfred Charles Kinsey" im Vereinigten Staaten juristischen Web finden
Uk flag.png Den Begriff "Alfred Charles Kinsey" im juristischen Web des Vereinigten Königreiches finden