Willkommen auf JurisPedia! Sie sind dazu eingeladen, ein Benutzerkonto einzurichten und zu teilzunehmen. Sie dürfen dafür neue Beiträge schreiben oder bearbeiten, oder die Suchemaschine im Recht Ihres Landes verbessern. Nutzer sollten die Lizenzbestimmungen lesen.
Es gibt zur Zeit 14.972 in ständiger Konstruktion …

Politische Kunst

aus jurispedia, das gemainsame Recht
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel ist ein Entwurf für ein Rechtsthema. Ihr könnt mit Bearbeitung Inhalte einfügen oder ändern. Ihr könnt auch die Suchmaschine benutzen…

Suche im Recht weltweit 20px-International.png
Google Custom Search

Hauptseite > Rechtssoziologie > Ästhetik im Recht > Europäische Kunstfreiheit > Erkenntnisprozess > Trost
International.png


Inhaltsverzeichnis

Märchenbetrachtung als Lernmethode im Recht

Fall 1

Die getauschte Residenz oder Im Anfang schuf Gott den Tauschvertrag

Es war einmal ein göttlicher Prinz, der lebte in der Sonne. Seine Zwillingsschwester jedoch lebte im Mond. Der junge Prinz war edel und so schön, wie nur ein Gott schön sein kann. Seine Zwillingsschwester aber war von geradezu atemberaubender Schönheit. Wer in der Nacht zum Mond aufblickte, konnte seine Augen nicht mehr von ihr abwenden. Die jungen Männer saßen deshalb die Nächte über wach und starrten hinauf und sangen ihre Lieder voller Sehnsucht. Sie waren dann so benommen von der Schönheit der Schwester im Mond, dass sie am Tag ermüdet einschliefen.

Die Prinzessin aber war nicht nur schön, sondern sie konnte auch überaus kunstfertig mit ihren Sticknadeln umgehen. Ihre Stickereien glitzerten und blinkten jede Nacht wie unzählige Sterne, so dass immer mehr Menschen nachts wach blieben, um sie zu bewundern. Eines Tages hatte die Prinzessin Mitleid mit den Menschen, die immer mehr von ihrem naturgesunden Lebensrhythmus wegen ihr aufgaben. Sie wollte dies ändern und traf sich deshalb bei einer der seltenen Sonnenfinsternisse mit ihrem Zwillingsbruder, um gemeinsam mit ihm eine Lösung für dieses menschliche Problem zu finden. Der göttliche Prinz äußerte die Idee, ihre Residenzen zu tauschen. Seine Schwester hatte jedoch Bedenken gegen diesen Plan, denn sie glaubte, dass am hellen Tag sicher noch viel mehr Menschen zu ihr in den Himmel starren würden. Trotzdem wollte sie keine Spielverderberin sein und willigte in das Angebot ihres Bruders ein.

Die Geschwister vereinbarten einen festen Umzugstermin für den Tausch ihrer Residenzen. Die Prinzessin packte, als der Tag gekommen war, alle ihre herrlichen Stickereien zusammen, ihre Seidengespinste, all ihr Nähzeug und vor allem ihre siebzig glitzernden Nadeln zum Sticken. Bei Sonnenuntergang eilte sie mit all ihren Kunstwerken hinüber zum Palast ihres Bruders in der Sonne. Der göttliche Prinz bezog daraufhin ihre Burg im Mond.

In der folgenden Nacht wurden alle (heterosexuellen) Männer enttäuscht, die auf ihre Dächer oder auf die umliegenden Berge gestiegen waren, um ihrer schönen Prinzessin wieder einmal nahe sein zu können. Alle Frauen aber, die vor dem Schlafengehen noch kurz einen Blick zu ihrer Großen Schwester im Mond geworfen hatten, freuten sich nun über den unerwarteten Anblick des göttlichen jungen Mannes dort. Bei Sonnenaufgang ergriff ein Staunen die Menschen, denn nun konnten sie plötzlich die Prinzessin in der Sonne erblicken. Alte und junge Männer blickten sehr wach am hell-lichten Tag zum Himmel empor, um die kunstvolle Pracht der königlichen Schwester nun bei Licht zu bewundern. Gegen die drohende Sucht durch Schaulust hatte sich die Schwester in der Sonne in kluger Weitsicht schon ein Mittel ausgedacht. Jeder, der von der Erde nun hinaufsah zur Sonne, fühlte alsbald einen stechenden Schmerz in seinen Augen. Einige Menschen sagten, dies seien einfach nur die starken Lichtstrahlen der Sonne. Andere aber hatten erkannt, dass die Prinzessin aus Weisheit ständig mit ihren Sticknadeln die Augen all jener reizte, die zu lange in den Himmel starrten. Als Folge davon arbeiteten die Männer bei Tag nun wieder und konnten nachts gut schlafen.

Der göttliche Tauschvertrag und die schwesterliche Weisheit dienten so der allmählichen Heilung aller bisher an Mondsucht erkrankten Männer auf der Erde.


Nach einem chinesischen Märchen neu erzählt; entnommen aus „Chinesische Märchen“, Hestia Verlag GmbH, Bayreuth, 1988

--> Mütterchen Russland


Fall 2

Die zwei ungleichen Söhne

Es war einmal ein Gott, der regierte selbst ein mächtiges Königreich. Um eine eigene Familie zu bekommen, zeugte er zwei Mischlingssöhne mit zwei menschlichen Frauen, von denen die Eine eine Freie, d.h. seine Königin war, und die andere aus der Sklaverei kam und nun seine geliebte Kurtisane wurde.

Der königlich frei geborene Sohn wurde ein fanatischer Kämpfer und begründete das Volk der „Gottesstreiter“. Der unfrei Geborene wurde ein demütiger Diener und begründete das Volk der „Gottesdiener“. Beide Halbbrüder durften und konnten sich nicht geschwisterlich lieben, denn ihre Mütter hatten wegen ihres Standesunterschiedes keine schwesterlichen Gefühle füreinander. Ihre weiblichen Emotionen wurden von Neid, Eifersucht und Hochmut bestimmt, so dass die beiden Söhne, die von ihren Müttern allein erzogen wurden, die gleichen negativen Gefühle füreinander empfanden.

So wurden die wachsenden Völker der „Gottesstreiter“ und der „Gottesdiener“ Feinde, ohne in Wahrheit zu erkennen, dass sie eigentlich von halbgöttlichen Halbbrüdern abstammten und daher zu einer einzigen göttlichen Menschenfamilie gehörten. Solange ihr Vatergott noch regierte, mussten beide Brüder in die Welt hinausziehen, um ihre eigenen Herrschaftsgebiete zu finden und zu begründen. Das taten sie auch, und so gab es außer dem mächtigen Königreich des Vatergottes bald viele kleinere Reiche der „Gottesstreiter“ und zahlreiche größere Reiche der „Gottesdiener“. Alle warteten jedoch im Stillen auf den Zeitpunkt des Erbfalles, an dem Gottvater abdankte und er seinen Nachfolger für ihr gemeinsames mächtiges Heimatreich bestimmen musste.

Beide Brüder glaubten fest daran, dass nur einer von ihnen beiden der Nachfolger im mächtigen Königreich werden könnte. Daher bekämpften sie sich ständig, um allen und sich selbst zu beweisen, wer der Würdigere und Bessere sei. Sie trieben es immer toller und toller, bis es ihrem Gottvater zu bunt wurde. Er griff zu einer List, um seine beiden Söhne zur Vernunft zu bringen. Denn er wollte vor seiner Abdankung unbedingt erreichen, dass sie sich in brüderlicher Liebe erkennen, damit die anstehende Machtübernahme nicht einen endgültigen Vernichtungskampf zwischen „Gottesstreitern“ und „Gottesdienern“ zur Folge haben würde.

Also ließ Gott durch Boten in allen Königreichen bekannt geben, dass er seine beiden Frauen jeweils durch ein Wunder wieder zu Jungfrauen gemacht hätte. Sie würden von nun an keusch und in liebendem Andenken an ihn, ihren göttlichen Mann, leben. Daher ernenne er sie jetzt offiziell zu seinen gleichrangigen Adoptivschwestern. Damit seien sie beide rechtlich gleichrangige Göttinnen und formal damit auch höherrangig als ihre beiden Söhne. Von der Abstammung her betrachtet seien jedoch ihre beiden Söhne höherrangig, da sie beide echte Halbgötter seien. Um einen Bruderkrieg zu verhindern, hätten die Frauen von ihm nun die Macht und die Aufgabe erhalten, solidarisch über seine beiden Söhne zu wachen, damit sie sich nicht gegenseitig schaden konnten. Kaum hatte er seine beiden Wunder getan und seine befehlenden Worte gesprochen, verschwand Gottvater und wurde von den zurückbleibenden Frauen und Söhnen nie mehr gesehen.

Fall 3

Die Lufthanse

Ein Mann raubt sich einen startbereiten Heißluftballon von einem Flugfeld. Begeistert und siegessicher fliegt er den am Boden zurückbleibenden Besitzern des Ballons davon. Nach einer Stunde Flugzeit hat er sich verirrt. Er steuert den Ballon in tiefere Lagen und sichtet eine Frau am Boden. Er lässt sich mit seinem Ballon noch weiter absinken und ruft der Frau zu: „Entschuldigung, können Sie mir helfen? Ich habe einem Freund versprochen, ihn mit dem Ballon zu besuchen, weiß aber nicht mehr, wo ich bin.“

Die Frau am Boden antwortet: „Sie sind in einem Heißluftballon in ungefähr 10 m Höhe über dem Boden. Sie befinden sich zwischen 20 und 41 Grad nördlicher Breite und zwischen 59 und 60 Grad westlicher Länge.“ „Sie müssen Ingenieurin sein“, antwortet darauf der Ballonfahrer. „Bin ich“, antwortet die Frau, „woher wussten Sie das?“ „Nun“, sagt der Ballonfahrer, „alles was Sie mir sagten ist technisch korrekt, aber ich habe keine Ahnung, was ich mit Ihren Informationen anfangen soll, und Fakt ist, dass ich immer noch nicht weiß, wo ich bin. Offen gesagt, waren Sie keine große Hilfe. Sie haben höchstens meine Reise noch weiter verzögert.“

Die Frau entgegnet nach dieser männlichen Rede: „Sie müssen im Management tätig sein.“ „Ja“, antwortet der Ballonfahrer, „aber woran erkennen Sie das?“ „Nun“, sagt die Frau, „Sie wissen weder wo Sie sind, noch wohin Sie fahren. Sie sind aufgrund einer großen Menge heißer Luft in Ihre jetzige Position gekommen. Sie haben ein Versprechen gemacht, von dem Sie keine Ahnung haben, wie Sie es einhalten können und erwarten von den Leuten unter Ihnen, dass sie Ihre Probleme lösen. Tatsache ist, dass Sie in exakt der gleichen Lage sind wie vor unserem Treffen, aber jetzt bin irgendwie ich schuld!“

Fall 4

GroßeMutter

Eine Tochter erhob ihre Augen zu ihrer Mutter und dankte Ihr für die Lebenskraft, die Sie ihr durch Geburt, Pflege und Erziehung weitergegeben hatte. Bis heute war sie Ihr gefolgt und hatte Ihr Werk bewahrt. Die Mutter hatte den Namen des Vatergottes stets gepriesen. So hatten ihre Kinder durch Nachahmung gelernt, dass alles, was die Frau wusste, von Vater und Mutter gekommen war.

Die Wahrheit, die sie von ihrer Mutter gelernt hatte, gab die Tochter nun an andere weiter und so können sie sehen und lesen und vertrauensvoll lernen. So können viele wieder glauben und manche als Wahrheit erkennen, dass der Gottessohn wirklich von dem Einen ausgegangen war.

Nun sprach die Tochter zu den Vätern, die ihre gewaltige Macht nicht mit den Frauen teilen wollten. Sie sagte ihnen, dass sie immer bei Derjenigen bleiben würde, die sie alle geboren hatte, aber sie sollten nicht traurig sein. Denn es sei gut für die Männer, dass sie nicht zusammen mit ihnen von den Müttern Abschied nehme. Denn nur wenn sie hier für sich allein bliebe, käme die GroßeMutter auch wieder zu ihnen zurück. Die Väter würden sie dann selbst erkennen und lernen, was Sünde, Gerechtigkeit und Gericht in Wahrheit seien.

Ihre allgegenwärtige, väterlich-männliche Sünde sei es, nicht mehr an ihre Töchter als selbstverantwortliche Frauen glauben zu wollen. Gerechtigkeit entstünde deshalb erst, wenn die Töchter bei den Müttern blieben und die Väter sie nicht mehr mit ihren eigenen Augen sehen könnten. Und das wahre Gericht fände statt, wenn die Väter ihre Töchter aus freiem Willen in ihr eigenes selbstbestimmtes Leben entlassen könnten. Denn dann wäre der Herrscher der Erde, der menschliche Sexualtrieb, endlich gerichtet.

Wenn also dieser Geist der Wahrheit über und in den Vätern erschiene, dann erst würden sie an ihre Töchter glauben und die Bedeutung des christlichen Lebens erkennen. Nur dieser Heilige Geist der Wahrheit, die GroßeMutter, könnte es bewirken, dass heutige Väter den Christus von nun an in brüderlicher Liebe verherrlichen, und wenn sie Ihn so verherrlichten, dann müssten sie eigentlich auch die wiederentdeckte GroßeMutter und den alten Vatergott verherrlichen, denn alles, was des Gottessohnes wahre Herrlichkeit bildete und formte, kam von den Zweien.

Fall 5

Der „Hirtenbrief

Es war einmal ein steinalter Bischof, der seit mehr als 90 Jahren in Deutschland lebte. Er hätte gerne zum Lebensende in seinem Land mehr rechtgläubige Christen und Christinnen gezählt, aber er war allein und alt und schwach. Einer seiner geistigen Söhne arbeitete in Rom, der ewigen Stadt. Deshalb schickte der alte Bischof eine Depesche nach Rom und teilte seinem Sohn seine tiefsten Wünsche darin mit.

„Lieber Eugen, ich bin sehr traurig, weil ich in meinem Land kaum noch rechtgläubige Christen und Christinnen finde. Ich bin sicher, wenn Du hier bei mir wärst, dann könntest Du mir bei der Mission helfen und für mich unseren ‚Garten beackern’. Ich liebe Dich, Dein Vater.“

Im folgenden Jahr erhielt der alte Bischof folgende Antwortdepesche aus Rom: „Lieber Vater, bitte mache Dir keine Sorgen mehr um unseren Garten. Ich lasse Dir einen Helfer aus Österreich schicken. Ich liebe Dich auch, Dein Sohn Eugen.“

Einige Jahre später, in den Jahren 1944/45 kamen dann die US-Armee, die britischen, französischen und russischen Streitkräfte in das Land des alten Bischofs. Sie suchten überall, nahmen den ganzen Garten auseinander, suchten jeden Millimeter des deutschen Bodens ab, aber sie fanden kaum echte Christen oder Christinnen. Enttäuscht begannen sie ein aufwendiges Umerziehungsprogramm auf ihre Kosten.

Eugen schrieb nun an seinen Vater im Himmel: „Lieber Vater, sicherlich ist jetzt unser Garten total umgegraben und Du kannst das neue Saatgut aussähen. Mehr konnte ich nicht für Dich tun. Ich liebe Dich, Eugen. – Übrigens – ich heiße jetzt Pius XII.

Fall 6

Naturrecht oder Empirismus?

Der mächtigste Gotteskrieger und der ranghöchste Gottesdiener treffen sich im Dominastudio bei der blonden Lackleder-Arachne zu einem Dreier.

Der Gotteskrieger sagt: „Herrin Arachne, zeige mir doch endlich den Weg zur Christuserkenntnis, damit der lange Leidensweg meines Volkes ein Ende findet.“ Der Gottesdiener sagt: „Herrin Arachne, zeige mir doch endlich, wie ich meinem verzweifelten Bruder in seiner schrecklichen Not helfen kann.“

So angesprochen schnallt Arachne die beiden Männer auf den zwei elektrischen Stühlen des Dominastudios fest, die dort nebeneinander aufgestellt sind. Dann geht sie mit strenger Miene - für beide Kunden gut sichtbar - langsam zum Sicherungskasten und legt ihre Daumen auf die beiden Stromeinschalter. Sie verharrt sehr lange bewegungslos in dieser Stellung und schweigt lächelnd.

Wenn die beiden Männer vor Angst nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute ...

Fall 7

Unpersönlichkeitsrecht

Seit Jahren war dem stolzen Ritter Hugo und seinen Brüdern die größte Weisheit mitgeteilt worden, aber Sofia bekam dafür nichts als Ignoranz. Die alte Hexe, die den Ritter verzaubert hatte, schaltete jeden Abend ihren PC ein, rief ihre E-Mails ab und dachte sich: „Hugo, schreib mir doch Nachrichten, damit ich erkennen kann, ob du mir noch treu bist.“ Hugo schickte ihr jedoch nur unpersönliche Fachinformationen, und die Alte, die kein Interesse an diesen Informationen hatte, verlor langsam aber sicher ihre Macht über den jungen Mann. Sie wunderte sich über Hugos Schweigsamkeit und nach vier Jahren wollte sie nicht mehr länger warten.

„Heda, Sofia“, schrieb sie der Jungfrau per E-Mail, „sei flink und greif zum Telefon. Hugo mag frei oder unfrei in seinen Willensentscheidungen sein, morgen will ich ihn mit der Wahrheit konfrontieren und ihm gnadenlos den Spiegel seiner dunklen männlichen Seele vor Augen halten.“ Ach, wie jammerte das arme Schwesterchen Sofia, als sie gegen ihren Willen mit der Hexe telefonieren musste. „Lieber Gott, hilf uns Geschwistern doch“, rief sie aus. „Spar nur dein Geplärre“, sagte die alte Hexe am Telefon, „es hilft euch alles nichts.“ Schon frühmorgens sollte Sofia am nächsten Tag aufstehen, ihren PC hochfahren und sich ins Internet einwählen. „Erst wollen wir uns noch eine Strategie überlegen“, sagte die Alte, „ich bin schon im Internet und habe mein Konzept per E-Mail an dich abgeschickt. Lies es durch!“ Sie trieb die arme Sofia mit einem telefonischen Befehl zu deren PC, der schnell hochgefahren war. „Wähl dich ein“, sagte die Hexe, „und sieh zu, ob du überhaupt ein Wort davon verstehst, was ich dir geschrieben habe. Denn nur dann können wir einen gemeinsamen Plan gegen Hugos Ignoranz entwerfen.“

Wenn Sofia den chaotischen Text gelesen hätte, hätte ihr die Alte eingeredet, dass sie zu dumm sei, das zu verstehen, was sie ihr geschrieben hatte. Die Hexe wollte sich die Jungfrau so untertan und gefügig machen. Aber Sofia merkte, was die Alte im Sinn hatte und sprach: „Ich weiß nicht, wie ich das machen soll. Wie kann ich deinen Text lesen?“ „Dumme Gans!“ rief die Alte, „das ist doch ganz einfach. Ich komme vorbei und zeige dir, wie man das macht.“ Sofia war einverstanden und die Hexe setzte sich auf ihren Besen und flog los.

Sofia hatte sich in der Zwischenzeit schlau gemacht und war nun perfekt in Sachen Internettechnik. Ihr konnte so leicht niemand mehr etwas vormachen. Trotzdem stellte sie sich weiterhin dumm, als die Alte zu ihr in die Wohnung kam. Sie ließ sie an ihren Heimcomputer sitzen. Den hatte sie aber so präpariert, dass es beim Einwählen ins Internet zu einem völligen „Showdown“ kam, als ob sich die Alte einen betriebssystemvernichtenden „Virus“ heruntergeladen hätte. Das war der Hexe natürlich schrecklich peinlich. Sie musste ihr Versagen ohnmächtig eingestehen und sie fing an zu heulen, ganz grauselig! Aber Sofia lief fort und die gottlose Hexe musste elendiglich mit ihrem Besen nach Hause laufen, da sie die Kraft zum Fliegen verloren hatte.

Sofia aber lief schnell zu ihrem Bruder Hugo, öffnete ihm die Augen über das wahre Wesen der Hexe und rief: „Hugo, wir sind erlöst, die alte Hexe ist entlarvt, sie hat keine Ahnung von nichts!“ Da flatterte Hugo herum wie ein Vogel mit ausgebreiteten Armen und war ganz erleichtert. Die Geschwister haben sich gefreut und sind sich um den Hals gefallen. Und weil sie sich nicht mehr zu fürchten brauchten, so wanderten sie zum Haus der Hexe, da standen in allen Ecken Kisten mit geheimnisvollen Büchern, Schriften und Datenspeichern. „Dies ist besser als Süßigkeiten“, sagte Hugo und steckte in seine Tasche, was hinein ging, und Sofia sagte: „Ich will auch etwas mit nach Hause nehmen“, und füllte sich den Rucksack voll.

„Aber jetzt wollen wir fort“, sagte Hugo, „damit wir endlich aus dem Hexenwald herauskommen.“ Als sie aber ein paar Stunden gegangen waren, gelangten sie plötzlich an ein großes Wasser, das ihren Heimweg kreuzte. „Wir können nicht hinüber“, sprach Hugo, „ich sehe keinen Steg und keine Brücke“. „Hier fährt auch kein Schiffchen“, antwortete Sofia. Ja, das geschah den beiden mit Recht. Die arme alte Hexe so gemein zu behandeln und auch noch Hausfriedensbruch und Diebstahl von geistigem Eigentum zu begehen.

Da kam eine weiße Ente geschwommen und Sofia beschloss, sie zu fragen, ob sie den beiden Geschwistern hinüberhelfen könnte. Sie rief: „Entchen, Entchen, da stehen Sofia und Hugo. Kein Steg und keine Brücke, nimm uns auf deinen weißen Rücken!“ Das Entchen schwamm auch heran, und Hugo setzte sich auf und bat sein Schwesterchen, sich zu ihm auf seinen Schoß zu setzen. „Nein“, antwortete Sofia, „es wird dem Entchen zu schwer, es soll uns nacheinander hinüberbringen.“ Das tat das gute Tierchen, und als sie beide glücklich drüben waren und ein Weilchen weiter liefen, da kam ihnen die Gegend immer bekannter und bekannter vor, und endlich erblickten sie von weitem ihre Heimat. Da fingen sie an zu rennen, stürzten in den vertrauten Rechtsraum hinein und kehrten erschöpft aber glücklich zu ihren PCs zurück.

Hugo und Sofia schütteten ihre Taschen aus und schenkten die Bücher, Schriften und Datenspeicher der Allgemeinheit.

Fall 8

Erkenntnisprozess

In einem menschlichen Seelenraum trafen heiße Kaskaden der Trauer auf geometrisch geformte Eiskristalle aus der Vergangenheit. Sie drohten sie wegzuschmelzen. Tief besorgt sprach einer der schönsten Kristalle: „Lass mich bestehen! Ich bin deine Erinnerung und stets kannst du dich an mir besinnen und zudem meine schönen Formen genießen!“ Die Kaskade der Trauer antwortete: „Ich liebte nur mich. Jetzt aber sehe ich auch dich und beginne innezuhalten und mich an deinen wunderbaren geometrischen Formen zu erfreuen.“ So ward der Friede zwischen zwei gegensätzlichen Kräften im erkennenden Menschen neu geschaffen ...

Fall 9

Leidenschaft

Männerseelen sind oft wie ein verwüstetes Schlachtfeld, auf dem die Vernunft und der Verstand Krieg führten gegen Leidenschaft und die Gelüste. Ach, könnte Maria die Friedensstifterin in diesen Seelen sein und den Missklang und die Zwietracht dieser Wesen in Einklang und Harmonie verwandeln!

Aber wie kann Sie das, wenn die Männer nicht selber auch Friedensstifter sind, nein, mehr noch, das ganze männliche Wesen wieder lieben lernt? Die Vernunft und die Leidenschaft sind je das Ruder und die Segel der seefahrenden Männerseelen. Wenn Segel oder Ruder brechen, können die Schiffe nur noch schlingern und treiben oder auf hoher See festgehalten werden. Denn der Verstand ist, wenn er allein waltet, eine einengende Kraft; und unbewacht ist die Leidenschaft eine Flamme, die bis zur Selbstzerstörung brennt. Daher soll die männliche Seele die Vernunft auf den Gipfel der Leidenschaft heben, damit sie dort singen lernt, und die Leidenschaft mit Vernunft lenken, damit die Lust täglich ihre Auferstehung erlebt und sich wie der Phönix aus der Asche immer wieder neu erhebt. Männlicher Verstand und männliche Gelüste sind wie zwei geliebte Gäste in einem Haus. Keiner soll mehr geehrt werden als der andere, denn wer den einen mehr beachtet, der verliert die Liebe und das Vertrauen beider.

Wenn weise Männer zwischen den Hügeln im kühlen Schatten der alten Bäume sitzen und am Frieden und der Heiterkeit der Felder und Wiesen teilhaben, dann lassen sie ihr Herz schweigend sagen: „Gott ruht in der Vernunft.“ Und wenn ein Sturm kommt und der mächtige Wind den Wald erschüttert und Donner und Blitz die Erhabenheit des Himmels verkünden, dann lassen diese Männer ihr Herz in Ehrfurcht sagen: „Gott bewegt sich in der Leidenschaft.“ Und da auch Männer je ein Atemzug in Gottes Sphäre sind und Blätter in Gottes Wald, so sollen auch sie in der Vernunft ruhen und in der Leidenschaft sich regen.

Textvariation nach „Von Vernunft und Leidenschaft“ aus „Der Prophet“ von Khalil Gibran, Patmos Verlag GmbH & Co. KG, Walter Verlag, Düsseldorf und Zürich, 2001

Fall 10

Die Jungfrau und der König

Es war einmal eine schöne und kluge Jungfrau, die Tag für Tag ihr Land bestellte. Eines Abends, als die Dämmerung schon eingetreten war, erblickte sie mitten auf ihrem Land einen Haufen feuriger Glut und oben auf der Glut stand ein kleiner schwarzer König ohne Schuhe. „Du stehst wohl auf einem Schatz?“ sprach die Jungfrau. „Jawohl“, antwortete der König, „auf einem Schatz, der mehr Gold und Silber enthält, als Du Dein Lebtag gesehen hast.“ „Der Schatz liegt auf meinem Land und gehört mir“, sprach die Jungfrau. „Er ist Dein“, antwortete der König, „wenn Du mir zwei Jahre lang die Hälfte von dem gibst, was Dein Land hervorbringt. Geld habe ich genug, aber ich trage Verlangen in mir nach den Früchten der Erde.“ Die Jungfrau ging auf den Handel ein. „Damit aber kein Streit bei der Teilung entsteht“, sprach sie, „so soll Dir gehören, was über der Erde ist, und mir, was unter der Erde ist.“ Dem König gefiel das, aber die kluge Jungfrau hatte Kartoffeln angebaut. Als nun die Zeit der Ernte kam, so erschien der König und wollte seine Feldfrüchte abholen. Er fand aber nichts als gelbe, welke Blätter, und die Jungfrau, ganz vergnügt, grub ihre Kartoffeln aus. „Einmal hast Du den Vorteil gehabt“, sprach der König gnädig, „aber das nächste Mal soll das nicht gelten. Dein ist, was über der Erde wächst, und mein, was darunter ist.“ „Mir auch recht“, antwortete die Jungfrau. Als aber die Zeit zur Aussaat kam, säte die Jungfrau Weizen. Die Frucht ward reif, die Jungfrau ging auf ihr Land und schnitt die vollen Halme bis zur Erde ab. Als der König kam, fand er nur die Stoppeln und fuhr wütend heim in sein Königreich. Die Jungfrau aber ging hin und holte sich den Schatz.

Variation des Märchens „Der Bauer und der Teufel“ aus der Sammlung von Jacob und Wilhelm Grimm (1785/1786 – 1863/1859)

Fall 11

Der „Fuchs“ und die „Katze“

Es trug sich zu, dass eine „Katze“ in einem Wald einem „Fuchs“ begegnete. Weil die „Katze“ dachte: „Er ist gescheit und wohlerfahren und gilt viel in der Welt“, so sprach sie dem „Fuchs“ freundlich zu. „Guten Tag, lieber Herr Fuchs, wie geht’s? Wie steht’s? Wie schlagt Ihr Euch durch in dieser teuren Zeit?“ Der „Fuchs“ betrachtete die „Katze“ vom Kopf bis zu den Stiefeln und wusste lange nicht, ob er eine Antwort geben sollte. Endlich sprach er: „Oh du armselige Bartputzerin, du schwarzscheckige Närrin, du Hungerleiderin und Mäusejägerin, was kommt dir in den Sinn? Du unterstehst dich zu fragen, wie mir’s gehe? Was hast du gelernt? Wie viele Künste verstehst du?“

„Ich verstehe nur eine einzige“, antwortete bescheiden die „Katze“. „Was ist das für eine Kunst?“ fragte der „Fuchs“. „Wenn die Hunde hinter mir her sind, so kann ich auf einen Baum springen und mich retten.“ „Ist das alles?“ sagte der „Fuchs“, „ich bin Herr über hundert Künste und habe überdies noch einen Sack voll Listen. Du jammerst mich, komm mit mir, ich will dich lehren, wie man den Hunden entgeht.“

Aber es kam ein Jäger mit vier Hunden daher. Die „Katze“ sprang leichtfüßig – trotz ihrer Stiefel – auf einen Baum und setzte sich in den Wipfel, wo Äste und Laubwerk sie völlig verbargen. „Bindet Euren Sack auf mit den Listen, Herr Fuchs“, rief die „Katze“ vom Baum herunter. Aber die Hunde hatten den „Fuchs“ schon gepackt und hielten ihn fest. „Ei, Herr Fuchs“, rief die „Katze“, „Ihr bleibt mit Euren hundert Künsten im kaiserlichen Jagdgebiet stecken. Hättet Ihr auf den Baum heraufsteigen können wie ich, so wäre es nicht um Eure Freiheit geschehen.“

Ein Märchen der Brüder Grimm (s.o.) mit nur geringfügigen Änderungen

Fall 12

Der „Fuchs“ und die Gänse

Der „Fuchs“ kam einmal auf eine Wiese, wo eine Herde schöner weißer Gänse saß, da lachte er und sprach: „Ich komme ja wie gerufen, ihr sitzt hübsch beisammen, so kann ich eine nach der anderen lustvoll genießen.“ Die Gänse gackerten vor Schrecken, sprangen auf, fingen an zu jammern und kläglich um ihre Unschuld zu bitten. Der „Fuchs“ aber wollte auf nichts hören und sprach: „Da ist keine Gnade, ihr müsst mir gehorchen.“ Endlich nahm sich eine das Herz und sagte: „Sollen wir armen Gänse doch einmal unsere jung frische Ehre verlieren, so erlaub uns noch ein Gebet, damit wir nicht in unseren kommenden Sünden seelisch verloren gehen, hernach wollen wir uns auch in eine Reihe stellen, damit du dir immer die hübscheste aussuchen kannst.“ „Ja“, sagte der Fuchs, „das ist billig und eine fromme Bitte. Betet, ich will so lange warten.“ Also fing die erste ein recht langes Gebet an, immer: „Ga! Ga!“, und weil sie gar nicht aufhören wollte, wartete die zweite nicht, bis die Reihe an sie kam, sondern fing auch an: „Ga! Ga!“ Die dritte und vierte folgten ihr, und bald gackerten sie alle zusammen. – Und wenn sie ausgebetet haben, soll das Märchen weitererzählt werden, sie beten aber alleweile noch immer fort ...

Ein Märchen der Brüder Grimm (s.o.) mit nur geringfügigen Änderungen

Fall 13

Die drei Sprachen

In der Schweiz lebte einmal ein alter Graf, der hatte nur einen einzigen Sohn, aber er war dumm und konnte nichts lernen. Da sprach der Vater: „Höre, mein Sohn, ich bringe nichts in deinen Kopf, ich mag es anfangen, wie ich will. Du musst fort von hier, ich will dich einer berühmten Meisterin übergeben, die soll es mit dir versuchen.“ Der Junge ward in eine fremde Stadt geschickt und blieb bei der Meisterin ein ganzes Jahr. Nach Verlauf dieser Zeit kam er wieder heim, und der Vater fragte: „Nun, mein Sohn, was hast du gelernt?“ – „Vater, ich habe gelernt, was die Hunde bellen“, antwortete er. „Dass Gott erbarm“, rief der Vater aus, „ist das alles, was du gelernt hast? Ich will dich in eine andere Stadt zu einer anderen Meisterin tun.“ Der Junge ward hingebracht und blieb bei dieser Meisterin auch ein Jahr. Als er zurückkam, fragte der Vater wiederum: „Mein Sohn, was hast du gelernt?“ Er antwortete: „Vater, ich habe gelernt, was die Vögli sprechen.“ Da geriet der Vater in Zorn und sprach: „O du verlorner Mensch, hast die kostbare Zeit hingebracht und nichts gelernt und schämst dich nicht, mir unter die Augen zu treten? Ich will dich zu einer dritten Meisterin schicken, aber lernst du auch diesmal nichts, so will ich dein Vater nicht mehr sein.“

Der Sohn blieb bei der dritten Meisterin ebenfalls ein ganzes Jahr, und als er wieder nach Haus kam und der Vater fragte: „Mein Sohn, was hast du gelernt?“, so antwortete er: „Lieber Vater, ich habe dieses Jahr gelernt, was die Frösche quaken.“ Da geriet der Vater in den höchsten Zorn, sprang auf, rief seine Leute herbei und sprach: „Dieser Mensch ist mein Sohn nicht mehr, ich stoße ihn aus und gebiete euch, dass ihr ihn hinaus in den Wald führt und ihm das Leben nehmt.“ Sie führten ihn hinaus, aber als sie ihn töten sollten, konnten sie nicht vor Mitleiden und ließen ihn gehen. Sie schnitten einem Reh Augen und Zunge aus, damit sie dem Alten die Wahrzeichen bringen konnten.

Der Jüngling wanderte fort und kam nach einiger Zeit zu einer Burg, wo er um Nachtherberge bat. „Ja“, sagte der Burgherr, „wenn du da unten in dem alten Turm übernachten willst, so gehe hin, aber ich warne dich, es ist lebensgefährlich; denn er ist voll wilder Hunde, die bellen und heulen in einem fort, und zu gewissen Stunden müssen sie einen Menschen ausgeliefert haben, den sie auch gleich verzehren.“ Die ganze Gegend war darüber in Trauer und Leid und konnte doch niemand helfen. Der Jüngling aber war ohne Furcht und sprach: „Lasst mich nur hinab zu den bellenden Hunden, und gebt mir etwas, das ich ihnen vorwerfen kann; mir sollen sie nichts tun.“ Weil er nun selber nicht anders wollte, so brachten sie ihn hinab zu dem Turm. Als er hineintrat, bellten ihn die Hunde nicht an, wedelten mit den Schwänzen ganz freundlich um ihn herum, fraßen, was er ihnen hinsetzte, und krümmten ihm kein Härchen. Am andern Morgen kam er zu jedermanns Erstaunen gesund und unversehrt wieder zum Vorschein und sagte zu dem Burgherrn: „Die Hunde haben mir in ihrer Sprache offenbart, warum sie da hausen und dem Lande Schaden bringen. Sie sind verwünscht und müssen einen großen Schatz hüten, der unten im Turme liegt, und kommen nicht eher zur Ruhe, als bis er gehoben ist, und wie dies geschehen muss, das habe ich ebenfalls aus ihren Reden vernommen.“ Da freuten sich alle, die das hörten, und der Burgherr sagte, er wollte ihn an Sohnes Statt annehmen, wenn er es glücklich vollbrächte. Er stieg wieder hinab, und weil er wusste, was er zu tun hatte, so vollführte er es und brachte eine mit Gold gefüllte Truhe herauf. Das Geheul der wilden Hunde ward von nun an nicht mehr gehört; sie waren verschwunden, und das Land war von der Plage befreit.

Über eine Zeit kam es ihm in den Sinn, er wollte nach Rom fahren. Auf dem Weg kam er an einem Sumpf vorbei, in welchem Frösche saßen und quakten. Er horchte auf, und als er vernahm, was sie sprachen, ward er ganz nachdenklich und traurig. Endlich langte er in Rom an; da war gerade der Papst gestorben und unter den Kardinälen großer Zweifel, wen sie zum Nachfolger bestimmen sollten. Sie wurden zuletzt einig, derjenige sollte zum Papst erwählt werden, an dem sich ein göttliches Wunderzeichen offenbaren würde. In demselben Augenblick trat der junge Graf in die Kirche, und plötzlich flogen zwei schneeweiße Tauben auf seine beiden Schultern und blieben da sitzen. Die Geistlichkeit erkannte darin das Zeichen Gottes und fragte ihn auf der Stelle, ob er Papst werden wolle. Er war unschlüssig und wusste nicht, ob er dessen würdig wäre, aber die Tauben redeten ihm zu, dass er es tun möchte, und endlich sagte er: „Ja.“ Da wurde er gesalbt und geweiht, und damit war eingetroffen, was er von den Fröschen unterwegs gehört und was ihn so bestürzt gemacht hatte, dass er der heilige Papst werden sollte. Darauf musste er eine Messe singen und wusste kein Wort davon, aber die zwei Tauben saßen stets auf seinen Schultern und sagten ihm alles ins Ohr.


Ein Märchen der Brüder Grimm (s.o.) mit drei entscheidenden Änderungen

Fall 14

„Ein Mann stand wegen einer Bestechung vor dem Richter. Alles sprach für seine Schuld, und so blieb dem Richter nur mehr, das Urteil zu sprechen. Der Richter war ein verständiger Mann. Er bot dem Angeklagten drei Möglichkeiten, aus denen er seine Strafe wählen konnte. Der Angeklagte sollte entweder hundert Tuman zahlen oder fünfzig Stockhiebe erhalten oder aber fünf Kilo Zwiebeln essen. ‚Das wird doch nicht so schwer sein‘, dachte der Verurteilte und biss schon in die erste Zwiebel. Nachdem er gerade dreiviertel Pfund Zwiebeln roh verspeist hatte, schüttelte ihn der Abscheu schon beim Anblick dieser Früchte des Feldes. Die Augen liefen ihm über, und ganze Tränenbäche stürzten seine Wangen herunter. ‚Hohes Gericht‘, heulte er, ‚erlasst mir die Zwiebeln, ich will doch lieber die Schläge auf mich nehmen‘. In Gedanken glaubte er listig sein Geld sparen zu können, war er doch wegen seines Geizes überall bekannt. Der Gerichtsdiener entkleidete ihn und legte ihn über die Bank. Schon der Anblick des kräftigen Gerichtsdieners und der biegsamen Rute ließ den Verurteilten zittern. Bei jedem Schlag auf den Rücken schrie er lauter, bis er beim zehnten Schlag endlich jammerte: ‚Hoher Ghazi, habe Erbarmen mit mir, erlass mir die Schläge‘. Der Richter schüttelte den Kopf. Darauf bettelte der Angeklagte, der sich eigentlich die Schläge und das Geld ersparen wollte und schließlich alle drei Strafen zu kosten bekam: ‚Lass mich lieber die hundert Tuman bezahlen‘.“

Eine Geschichte von Dr. med. Nossrat Peseschkian aus seinem Buch "Der Kaufmann und der Papagei", Orientalische Geschichten als Medien in der Psychotherapie – Mit Fallbeispielen zur Erziehung und Selbsthilfe, Seite 105, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1987

1 Tuman = 10 Rial als gesetzliche Währung im Iran

Fall 15

Lady Godiva

„In Coventry lebte der strenge und hartherzige Graf Leofric, der für seine Untertanen keine Milde kannte. Um so mehr war seine schöne Gattin, Lady Godiva, wegen ihrer Güte und Tugend beim Volke sehr beliebt. Denn wann immer sie konnte, erleichterte sie dessen hartes Los.

Als einmal die Einwohner von Coventry wieder unter der Last unbarmherziger Steuern zu leiden hatten und ihre Bitten beim Grafen kein Gehör fanden, ging Lady Godiva selbst zu ihrem Gatten, um für das Volk zu bitten. Doch auch sie wurde nur mit harten Worten abgewiesen. Die tapfere, junge Frau gab sich damit nicht zufrieden, sie bedrängte den Grafen so lange, bis er ihr folgende Antwort gab: ‚Besteige nackt dein Pferd und reite vor dem ganzen Volk über den Markt des Fleckens in seiner ganzen Ausdehnung, wenn du dann zurückkehrst, sollst du bekommen, um was du bittest.‘

Diese außergewöhnliche Forderung drohte alle Hoffnung zunichte zu machen. Wie konnte eine junge Frau eine solche Tat vollbringen? Lady Godiva aber wusste Rat: Sie ließ den Einwohnern bei Todesstrafe androhen, sich während ihres Rittes auf der Straße oder an den Fenstern zu zeigen. Außerdem bedeckte sie sich mit ihrem langen schönen Haar, so dass sie wie mit einem Mantel verhüllt war. So ritt sie, von einer Nonne begleitet, durch die Stadt. Dem Grafen blieb nun nichts anderes übrig, als zu seinem Wort zu stehen, das er durch einen Freibrief bestätigte.

Ein Verwegener aber hatte seine Neugier nicht zügeln können und wurde dafür mit dem Tode bestraft. Zur Erinnerung an diese Begebenheit zeigt man noch immer in einem Haus in Coventry das Bild eines Mannes, der zum Fenster hinausschaut.“

Englische Sage aus der Märchensammlung von Sigrid Früh: Die Frau, die auszog, ihren Mann zu erlösen, Europäische Frauenmärchen, Königsfurt Verlag, Krummwisch bei Kiel 2004, Seiten 60/61

Fall 16

Heilige Hochzeit

Es waren einmal drei Brüder, die gingen in die Fremde. Auf dem Wege, den sie kamen, fanden sie ein großes Loch, welches in die Unterwelt hinabging. Da sagen sie zu dem Kleinsten: „Wenn wir dich binden und dich hinunterlassen, damit du siehst, was da drinnen ist, tust du es?“ Mit vielen Reden brachten sie ihn dahin. Sie banden ihn mit ihren Gürteln, ließen ihn hinab und ließen ihn dann los. Er fiel auf das Haus einer alten Zauberin.

„Was suchst du?“ fragte die Alte. „Warum kamst du hierher?“ „Mich schickte der König der Oberwelt, um ihm ein Haar von der Schönen der Erde zu holen.“ „Wie willst du dorthin kommen, Söhnchen? Die bewacht ein Hund mit drei Köpfen, der weder bei Tag noch bei Nacht schläft.“ „Wie soll ich’s machen, Mütterchen?“ „Da hast du dieses Wasser, und wenn du dorthin kommst, so wasch dein Gesicht damit, und du wirst so dunkel werden, dass dich der Hund nicht sieht. Dann gehe hinein, und wenn die Schöne der Erde schläft, da stecke ihr ein bisschen von dieser Erde der Toten in das Ohr, damit sie dich nicht gewahr werde. Reiß ihr ein goldenes Haar vom Kopfe und komme schnell hierher zu mir.“

Jener tat, wie ihm die Alte gesagt hatte, ging hinein, ohne dass ihn der Hund sah, und fand die Schöne der Erde, während sie schlief. Er warf ein Stück Erde auf sie, nahm ihr das Haar und kam zu der Alten. „Was willst du nun“, fragte ihn die Alte. „Ich will, dass du mich auf die Oberwelt steigen machest.“ Da rief die Alte mit Zauberei alle Krähen und Raben zusammen und band ihm Fleisch in den Gürtel, und es nahmen ihn die Vögel, während sie an dem Fleische zupften, und hoben ihn in die Höhe. Als ihn die Brüder sahen, wunderten sie sich, wie er heraufgekommen sei.

Der aber sagte ihnen: „Warum ließt ihr mich fallen, ihr Narren?“ Und diese sagten ihm: „Du bist uns unversehens entglitten.“ Er aber ging zum König und brachte ihm das goldene Haar der Schönen der Erde, und dies Haar hatte das Eigene, dass der, welcher es in die Hand nahm, wie die Sonne glänzte. Der König nahm es und gab es seinem Weibe, und jenen machte er groß und gab ihm ein großes Einkommen, und seine Brüder wurden endlich seine Diener.

Märchen aus Albanien mit dem Originaltitel „Das Haar der Schönen der Erde“ aus der Märchenquelle von Curt Moreck, Parus-Verlag, Reinbek bei Hamburg 1947 --> Albanisch-Orthodoxe Kirche


Fall 17

Das Märchen vom Quellenwunder

„Es war einmal ein Knabe, der wuchs als armer Förstersleute einzig Kind in Waldeseinsamkeit heran. – Er lernte außer seinen Eltern nur wenig Menschen kennen. Er war von schwachem Gliederbau: durchscheinend fast war seine Haut. Man konnte lang ins Aug‘ ihm schaun; es barg die tiefsten Geisteswunder. Und wenn auch wenig Menschen nur des Knaben Lebenskreis betraten, es fehlte ihm an Freunden nicht.

Wenn in den nahen Bergen erglühte golden Sonnenhelle, dann sog des Knaben sinnend Auge das Geistesgold in seine Seele ein: und seines Herzens Wesen, es ward so morgensonnengleich. – Doch wenn durch finstre Wolken der Morgensonne Strahl nicht drang, und düstre Stimmung alle Berge überzog, da ward des Knaben Auge trüb, und wehmutvoll sein Herz - -. So war er hingegeben ganz dem Geistesweben seiner engen Welt, die er nicht fremder fühlte seinem Wesen, als seines Leibes Glieder.

Es waren ihm ja Freunde auch des Waldes Bäume und die Blumen; es sprachen Geisteswesen aus den Kronen, den Kelchen und den Wipfeln -, verstehen konnte er ihr Raunen - -. Geheimer Welten Wunderdinge erschlossen sich dem Knaben, wenn seine Seele sich besprach mit dem, was leblos nur den meisten Menschen gilt. Und sorgend oft vermissten abendlich die Eltern den geliebten Sprossen. – An einem nahen Orte war er dann, wo aus den Felsen eine Quelle drang und tausendfach zerstäubend die Wassertropfen über Steine sprengte. Wenn Mondeslichtes Silberglanz in Farbenfunkelspielen zauberhaft sich spiegelt‘ in des Wassers Tropfenstrom, da konnt‘ der Knabe stundenlang am Felsenquell verharren. Und Formen, geisterhaft gebildet, erstanden vor dem Knabenseherblick im Wassertreiben und im Mondenlichtgeflimmer.

Zu dreien Frauenbildern wurden sie, die ihm von jenen Dingen sprachen, nach denen seiner Seele Trieb gerichtet. – Und als in einer milden Sommernacht der Knabe wieder an der Quelle saß, ergriff der Frauen eine viele tausend Stäubchen des bunten Wassertropfenwesens und reichte sie der zweiten Frau. – Die formte aus den Tropfenstäubchen ein silberglänzend Kelchgefäß und reichte es der dritten Frau. – Die füllte es mit Mondessilberlicht und gab es so dem Knaben. Der hatte alles dies geschaut mit seinem Knabenseherblick. – Ihm träumte in der Nacht, die dem Erlebnis folgte, wie er beraubt des Kelches durch einen wilden Drachen ward. – Nach dieser Nacht erlebte jener Knabe nur dreimal noch das Quellenwunder. Dann blieben ihm die Frauen fort, auch wenn der Knabe sinnend saß am Felsenquell im Mondensilberlicht. –

Und als dreihundertsechzig Wochen zum dritten Mal verstrichen waren, war längst der Knabe Mann geworden und von dem Elternhause und dem Waldesgrund in eine fremde Stadt gezogen. Da sann er eines Abends, von harter Arbeit müde, was ihm das Leben wohl noch bringen möge. Es fühlte sich der Knabe plötzlich nach seinem Felsenquell entrückt; und wieder konnte er die Wasserfrauen schauen, und dieses Mal sie sprechen hören. Es sagte ihm die erste: Gedenke meiner jeder Zeit, wenn einsam du dich fühlst im Leben. Ich lock‘ des Menschen Seelenblick in Ätherfernen und in Sternenweiten. Und wer mich fühlen will, dem reiche ich den Lebenshoffnungstrank aus meinem Wunderbecher. –

Und auch die zweite sprach: Vergiss mich nicht in Augenblicken, die deinem Lebensmute drohen. Ich lenk‘ des Menschen Herzenstriebe in Seelengründe und auf Geisteshöhn. Und wer die Kräfte sucht bei mir, dem schmiede ich die Lebensglaubensstärke mit meinem Wunderhammer. –

Die dritte ließ sich so vernehmen: Zu mir erheb‘ dein Geistesauge, wenn Lebensrätsel dich bestürmen. Ich spinne die Gedankenfäden in Lebenslabyrinthen und in Seelentiefen. Und wer zu mir Vertrauen hegt, dem wirke ich die Lebensliebesstrahlen auf meinem Wunderwebestuhl. - - - Es träumt‘ in jener Nacht, die dem Erlebnis folgte, dem Manne, dass ein wilder Drache in Kreisen um ihn her sich schlich – und nicht ihm nahen konnte: Es schützten ihn vor jenem Drachen die Wesen, die er einst am Felsenquell geschaut, und die aus seiner Heimat mit ihm zum fremden Ort gezogen waren.“

Rudolf Steiner (1861 – 1925), Mysteriendrama „Die Prüfung der Seele“, Text zum 5. Bühnenbild, in Deutschland gemeinfreie Menschenweisheit nach 70 Jahren, d.h. seit 1995 ...

Fall 18

Anansi, der Spinnenmann

Die Legende von ‚Anansi‘ ist ein afrikanischer Mythos, der mit den Sklaven auch nach Amerika gekommen ist. Dieser gliederfüßige Held („Spiderman“) ist der „Gottessohn“, denn in der afrikanischen Schöpfungsgeschichte hat „Ananse“, die Große Spinne, den ersten Menschen erschaffen.

‚Anansi‘ schafft es mit List, auf dem gefährlichen Tiger – mit Zaumzeug und Peitsche – zum König zu reiten und damit eine Wette zu gewinnen. Dieser halbgöttliche und listenreiche Spinnenmann versteckte alle Listen der Welt in einem großen Kürbis, ließ ihn daraufhin fallen, so dass er in tausend Stücke zerbrach und die Listen (= Ideen) über die ganze Welt zerstreut wurden.


Fall 19

Strafe für den Fuchs

Einmal reiste Nasreddin Hodscha während des Fastenmonats Ramadan durch die Dörfer, um milde Gaben für die Armen einzusammeln und um eine Anstellung als Imam (Vorbeter in der Moschee) zu finden. Aber wo er auch hinkam, erhielt er weder Almosen noch eine Anstellung. Als er schließlich das siebente Dorf erreichte, sah er, dass dort große Aufregung herrschte. Die Bewohner erzählten ihm, dass ein Fuchs in den letzten Monaten viele Hühner, Enten und Truthähne gestohlen hatte. Sie hatten den Fuchs gefangen und überlegten gerade, wie sie den Fuchs am besten zur Strecke bringen könnten. Schließlich baten sie den Hodscha um Rat.

“Lasst mich die Sache erledigen!”, beruhigte er sie. Die Dorfbewohner vertrauten auf die Zuversicht in seiner Stimme und seinen weißen Bart eines Gelehrten und überließen ihm das Schicksal des Fuchses. Daraufhin zog der Hodscha seinen Mantel aus, legte seinen Turban ab und zog beides dem Fuchs an. Dann ließ er ihn weglaufen. “Was hast du getan!”, riefen nun die Dorfbewohner aufgebracht. “Warum lässt du den Fuchs entkommen?” “Macht euch keine Sorgen!”, erwiderte Nasreddin Hodscha. “Jeder, der ihn sieht, wird ihn für einen weisen und heiligen Mann halten, und deshalb wird er bestimmt nach einer Weile verhungert sein!”

Nasreddin Hodscha war wohl ein wandernder, türkischer, weiser Narr, vergleichbar mit Till Eulenspiegel in Deutschland; die Geschichte ist entnommen aus www.hodscha-nasreddin.de


Siehe auch

International.png Den Begriff "Politische Kunst" im weltweiten juristischen Web finden

In anderen Sprachen