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Christianisierung im schwäbischen Remstal (de)

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Das Remstal liegt östlich von der baden-württembergischen Landeshauptstadt Stuttgart. Die Besiedlung dieses ursprünglich sumpfigen Flusstals erfolgte bereits in der Bronzezeit durch indogermanische Stämme aus Kleinasien. Diese Stämme entwickelten in Mitteleuropa die dezentral organisierte, keltische Hochkultur. Später wanderten die Sueben von Nordeuropa ein. Die ursprünglich heidnischen Germanenstämme der Sueben (= Schwaben) bzw. Alamannen (Alamannen stellen eine völkische Synthese aus Kelten, Römern und Sueben dar), die das Remstal ab dem dritten Jahrhundert nach Christus in Besitz genommen hatten, wurden nach der Niederlage im Krieg von 496 n. Chr. unter dem siegreichen Frankenkönig Chlodwig I. zwangschristianisiert. Sie widersetzten sich den Franken noch bis zu König Karl I. dem Großen (768 – 814 n. Chr.), den sie schließlich als ihren eigenen christlichen Kaiser des Weströmischen Reiches anerkannten --> Vertrag von Verdun und Karolingische Bildungsreform.


Inhaltsverzeichnis

Alamannia

Die alamannische Kunst zeigt die Auseinandersetzung zwischen heidnischen Gottesvorstellungen, römischer Lebenskultur und Techniken der Metallverarbeitung. Vor allem schamanische Tierfiguren und menschliche Körperteile wurden bei der Schmuck- und Waffenherstellung zur Verzierung und magischen Aufladung der Gegenstände verwendet. Die alamannische Tierornamentik stellt heute in der wissenschaftlichen Kunstgeschichte eine eigenständige Gattung dar. Die Flechtband- und Tierornamentik der germanischen Völker zeigt Bewegungen auf und bietet dem Künstler die Möglichkeit zur unbegrenzten Motivwiederholung. So weist sie künstlerisch auf eine spirituelle Tendenz zur Unendlichkeit hin. Die Alamannen als eigenständiges Volk wurden durch die römischen Schreiber erstmals im Jahr 213 n. Chr. dokumentiert. In den Jahren ab 250 n. Chr. überrannten sie den Grenzwall Limes, als sich die römischen Grenzlegionen wieder hinter Rhein, Iller und Donau zurückzogen. Die Alamannen übernahmen die verlassenen Ländereien und bildeten mit Hilfe ihres germanischen Gewohnheitsrechts („Lex Alamannorum“) die neue herrschende Fürstenkaste im Remstal. Unter dem nun hier neu geltenden Germanischen Recht verschwand das Römische Bürgerrecht wieder aus dem Remstal. Das „Schwabenland“ nördlich der Donau lag vorübergehend wieder im historischen Dunkel, denn es gab hier keine griechisch-römischen Geschichtsschreiber mehr. Deshalb liefert heute vor allem die moderne Archäologie und die Kunstgeschichte die fehlenden Informationen über Alamannia.

Alamannischer Kult

Ungefähr in der Mitte des fünften Jahrhunderts nach Christus änderten sich durch den Einfluss der Römer die Begräbnisrituale in Mitteleuropa deutlich. Die bronzezeitlichen keltischen Grabhügel mit den Steinstelen zur jahreszeitlichen Beobachtung von Sonne und Mond wurden durch Reihengräberfriedhöfe ersetzt. Auf diesen Friedhöfen wurden die Toten schon wie heute in Holzsärgen bestattet. Jedoch gab man den Verstorbenen noch diejenigen Gegenstände des täglichen Lebens mit ins Grab, die für das andere Leben in der jenseitigen Welt hilfreich sein sollten. Durch die Zugehörigkeit des Remstals zum Römischen Reich ab Kaiser Antoninus Pius (86 – 161 n. Chr.), der das Römerkastell Lorch ausbaute, wurde auch hier die überlegene römische Kultur für mindestens ein Jahrhundert leitend.

Im südlichen Skandinavien (heute: Dänemark) entstand im 5. Jahrhundert n. Chr. die „nordische Tierornamentik“ als Kunstrichtung, die wohl schamanistische Bedeutungsursprünge hatte. Sie wurde für die Alamannische Kunst kennzeichnend und nach außen identitätsbildend. Über den Rhein und seine Nebenflüsse kamen skandinavische Metallgegenstände als Handelswaren bis nach Mitteleuropa. Zeitgleich zum Einwandern der germanischen Tierornamentik aus dem Norden kamen auch südliche Einflüsse nach Mitteleuropa. Die sogenannte Flechtbandornamentik stammte ursprünglich aus dem Orient, wo Flechtbänder schon im 3. Jahrtausend v. Chr. vorkamen. In der römischen Kleinkunst finden sich einfache Formen des Flechtbandes, die nur aus zwei miteinander verflochtenen Bändern besteht. Durch den Sieg des christlichen byzantinischen Kaisers Justinian I. über die Ostgoten im Jahr 540 n. Chr. nahm der südliche Kultureinfluss auch im Remstal zu. Das Flechtband war bei den Alamannen ein sehr beliebtes Muster, das auch noch in die Karolingische Kunst weiter hineingetragen wurde. Die Flechtbandornamentik ging dann in der Zeit der Merowingerherrschaft (506 – 746 n. Chr.) bei den Alamannen eine künstlerische Synthese mit der nordgermanischen Tierornamentik ein und so bildete sich der eigenständige Alamannische Kunststil heraus.

Alamannischer Kunststil als materialisierte Darstellung der Unendlichkeit

Die vierte Stilphase der nordgermanischen Tierornamentik zeigte Tiergestalten als schmale, bandförmige Körper. So konnten sie mit der Flechtbandornamentik ästhetisch kombiniert werden. Die mediterranen Flechtbandkompositionen wurden das dominierende Prinzip und diesem wurde das Tierornament untergeordnet – ein wundervolles künstlerisches Gleichnis für die menschliche Kulturentwicklung nach christlichem Verständnis: Der monotheistische religiöse Kulturimpuls ordnet das Tierische im Menschen dem Göttlichen durch (ästhetische) Erziehung unter.

Den Alamannischen Kunststil könnte man auch mit dem wissenschaftlichen Begriff eines zoomorphisierten Flechtbandstils bezeichnen. Wesentlich dabei ist das Kompositionsprinzip, mit dem die Tierfiguren künstlerisch verflochten angeordnet wurden. Die Tierdarstellungen selbst mussten wegen dieser Unterordnung sehr stark schematisiert und digitalisiert, d.h. zergliedert werden. So ist heute die ganze Tiergestalt am Schmuckstück nur noch sehr schwierig zu entdecken. Das Tier erscheint wie versteckt im Musterwald. Einzelne Elemente der Tierfiguren, die sich nicht in das Flechtbandschema einfügen ließen, wurden manchmal am Rand passend ergänzt. Häufig sind es die Beine oder Arme der stilisierten Tiere. Auf diese Weise konnten trotz der strengen Unterordnung des Tieres unter das Flechtbandmuster vollständige Tiere mit Kopf, Hals, Vorderbein, Körper und Hinterbein abgebildet werden. Denn der Goldschmied und sein Kunde verschafften sich vor der Christianisierung aus traditionell-religiösen Gründen über das Kunsthandwerk einen magischen Gegenstand mit zauberkräftiger Schutzwirkung für Leib und Leben. Im Schamanismus waren und sind bis heute die Totemtiere für die Gläubigen wirksame Schutzgeister und zieren häufig Amulette.

Die Sitte, farbige Schmucksteine in der Schmiedekunst zu verwenden, stammt ursprünglich aus dem Orient und aus dem Land am Schwarzen Meer. Ein naher Verwandter des roten Edelsteins Granat, der Almandin, war bei den Alamannen sehr beliebt. Er wurde damals aus Indien, wo ein natürliches Vorkommen war, bis nach Europa gehandelt. Über die Goten wurde die Technik der Einlegearbeit an die Alamannen weitergegeben. Die ersten alamannischen Schmuckstücke mit Kreuzdarstellungen aus Edelsteinen stammen aus der Zeit um 600 n. Chr. Nur sehr langsam eroberte sich das Christussymbol über die Kunst – teilweise dort auch wie ein zauberkräftiges Runenzeichen behandelt – seinen Platz in der magischen Vorstellungswelt der Alamannen. So „wuchs“ es durch das Kunsthandwerk zum Modezeichen des neuen Gottes in Alamannia heran.

Den Alamannen war eine naturalistische Pflanzendarstellung unbekannt. Wie die Tiermotive wurden auch florale Motive stilisiert dargestellt. Im 7. Jahrhundert n. Chr. kam der Lebensbaum mit der Christianisierung zu den Alamannen. Der Baum stellt den „Baum des Lebens“ dar, der aus der Tiefe der „Mutter Erde“ stetig neues Leben ans Licht führt und damit zum Symbol der Lebenserneuerung bzw. jährlichen Wiederauferstehung der Natur wurde. In der christlichen Kunst, die den Lebensbaum aus dem Alten Testament übernommen hatte, wurde der „Baum des Paradieses“ zum „Baum des Kreuzes“ umgedeutet. So blieb er ein religiöses Symbol der Erlösung für die Menschen. Auch in der germanischen Mythologie gab es den Weltenbaum, die Esche Yggdrasil, was die Übernahme des christlichen Motivs in die Alamannische Kunst sicher begünstigt hat.

Das Ende der Alamannischen Kunst

Im Jahr 746 n. Chr. fand der schreckliche „Cannstatter Bluttag“ statt, an dem die salischen Franken unter der Befehlsgewalt von Karlmann als Heerführer des Römischen Reiches von Byzanz den alamannischen Hochadel ausrotteten. Karlmann und Pippin der Jüngere waren Söhne von Karl Martell, dem fränkischen Hausmeier der (französischen) Merowinger Dynastie. Mit diesem blutigen „Gottesgericht“ endete damals im Remstal die Blütezeit der Alamannischen Kunst und zugleich die Herrschaftszeit der Merowinger in Paris. Der Karolingische Kunststil stellt eine direkte Fortsetzung der Alamannischen Kunst dar. Er entstand während des sich herausbildenden Weströmischen Reichs von Kaiser Karl I., dem Großen (742 – 814) ab dem Jahr 800 n. Chr.[1]

Erst der schwäbischen Staufer-Dynastie gelang im Jahr 1155 n. Chr. die Rückeroberung des fürstlich-alamannischen Landeigentums im Remstal auf juristischem Weg durch die Machtübernahme von Kaiser Friedrich I. Barbarossa im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Die erfolgreiche Christianisierung im Remstal stellt sich rückblickend als ein rebellisches Hineinwachsen der Germanenvölker in das Christentum, die römische Staatsreligion dar: halb zog und begeisterte es sie, halb zwang es sie und sie sanken ohnmächtig hinein.


Fußnoten

  1. Der vorstehende Text entstand nach der Lektüre der Schrift "Kunststile des Frühen Mittelalters" von Günther Haseloff, herausgegeben vom Württembergischen Landesmuseum Stuttgart, 1979


Siehe auch

De flag.png Den Begriff Christianisierung UND Württemberg im deutschen juristischen Web finden