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Christian Thomasius

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Der ostdeutsche Rechtsphilosoph Christian Thomasius (1655 – 1728) wirkte vor allem im Bereich der Hexenprozesse im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation aufklärerisch und zugleich als Reformator. Seine überlieferten Worte können heute noch als Gender-Mainstreaming-Lehrsätze dienen:

„Nun verdrosse es mich aber nicht wenig, daß bei diesem ersten mir unter die Hände gerathenen Hexenprozeß mein votum nicht hatte wollen attendiret werden; aber dieser Verdruß war nicht sowohl gegen den damaligen Herrn Ordinarium und meine übrigen Herren Collegen, als wider mich selbst gerichtet. Denn da ich allbereit in der Ausarbeitung meiner deutschen Logik gelehret hatte, dass ein weiser Mann die beiden Haupt-Praejudicia menschlicher Auctorität und der Übereilung meiden müßte, verdroß es mich auf mich selbst, dass mein votum auf nichts als die Auctorität obiger, und zwar offenbar größtentheils parteiischer, unvernünftiger Männer und auf deren übereilte und unzulängliche rationes sich gründete, fürnehmlich darauf, dass die justifizirte Hexe es der Inquisitin in die Augen gesagt, dass sie von ihr hexen lernen und umgetauft worden, auch bei ihrer Aussage bis in ihren Tod beständig verharret wäre. Ja, es verdroß mich noch mehr auf mich, dass ich, sobald ich die rationes contrarias meiner Herren Collegen nur hörte, alsbald von deren Wichtigkeit convinciret wurde und nichts darauf antworten konnte.“

„Gewiß, hätten bisher unsere Rechtsgelehrten Andere, und vornehmlich die Päpstler, nicht ohne Verstand abgeschrieben, sondern ein jeder sowohl die natürlichen, als moralischen Sachen, wovon die Gesetze disponiren, nach ihrer Natur und Beschaffenheit fein nach seiner eigenen Vernunft untersucht, so würde unsere Jurisprudenz auch vorlängst für eine Disziplin von den Gelehrten sein gehalten worden, die auch zu der wahren Gelehrsamkeit gehöre. Da aber bis dato noch immer einer den andern ohne Nachsinnen ausschreibet und sich noch dazu einbildet, Wunder was er gefunden, wenn er diesen oder jenen casum, diese oder jene Frage in terminis terminantibus angetroffen hat, so darf man es denen Gelehrten nicht verargen, wenn sie bei Nennung eines Juristen sich von demselben in terminis terminantibus keinen andern Conzept machen, als von einem Zungendrescher und Legulejo.“ [1]

Als Beispiel für die Denkweise der oben beschriebenen parteiischen, unvernünftigen Männer soll ein Todesurteil nach einem Prozessgutachten der Tübinger Juristenfakultät aus dem Jahr 1713 dienen. Damals war der junge Sohn eines noch im höheren Alter Kinder zeugenden Generals krank geworden. Auf der Suche nach einem Schuldigen fiel der „arachnophobische“ Blick der von einer Niederlage bedrohten männlichen Ärzteschaft auf eine arme alte Frau.

In männlicher Einigkeit klagten die Inquisitoren die alte Frau des mit Blut unterschriebenen Teufelsbundes, der Unzucht, des Hexentanzes, der Schändung der Hostie und der Beschädigung von Menschen und Tieren an – volles Programm also. Heute könnte man zu diesem Tatbestand sagen: Kollateralschädigung der (christlichen?) Gemeinschaft durch persönliche magische Kräfte. Die arme Inquisitin wurde nach diesem „Sachverständigengutachten“ auf dem Scheiterhaufen verbrannt.[2]

Der Methodenlehre des Rechts verdanken die europäischen Frauen heute ihren Freispruch vom allgemeinen (= wahnhaften) Hexenverdacht. Voltaire formulierte es so: „Seitdem es in Frankreich Philosophen gibt, beginnen die Hexen zu verschwinden“. Eines der letzten Hexengerichte in Frankreich fand im Jahr 1718 statt. 1779 wurde die Todesstrafe wegen Hexerei in Schweden aufgehoben, 1712 war einer der letzten Hexenprozesse in England, 1722 in Schottland, 1776 wurden Hexenprozesse in Polen verboten, 1821, zwei Jahre nach den Karlsbader Beschlüssen, wurde schließlich auch das Hexengesetz in Irland aufgehoben.

Vom aufgeklärt regierten Preußen, d.h. von der Königsresidenz Potsdam ausgehend, wurden Hexenprozesse im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation von Nord nach Süd ‚ausgetrieben’. Der letzte Hexenprozess in Preußen fand 1728 statt. In Bayern war es nach 1775 auch soweit. Damals traf das letzte Todesurteil eine zum lutherischen Glauben konvertierte katholische Waise, die im ‚Kemptenschen Zuchtschloss’ Langenegg misshandelt worden war und deshalb seelisch erkrankte. Ihr wurde nicht - christlich – geholfen, sondern sie wurde am 30. März 1775 wegen „crimen laesae majestatis divinae“ vom katholischen Fürstbischof zum Tod durch Enthaupten verurteilt.

In Spanien wurden Hexenverbrennungen 1781 eingestellt, aber Liebeszauber und Wahrsagerei führten noch bis ins 19. Jahrhundert hinein für Frauen zur Kerkerhaft. Die Schweiz folterte im 18. Jahrhundert ihre Hexen, bis sie tot waren. So konnten die peinlichen offiziellen Gerichtsurteile scheinheilig vermieden werden.[3] Das Schicksal des letzten weiblichen Folteropfers des eidgenössischen Hexenwahns wurde im Jahr 1782 im Kanton Glarus durch die dortige Malefiz-Gericht-Ordnung dokumentiert.

In Sizilien fand im Jahr 1724 die letzte öffentlich-rituelle Verbrennung von mehreren Ketzern und Hexen statt – als Volksbelustigung mit Bewirtung![4]


Fußnoten

  1. Beide Zitate aus: Dr. W. G. Soldan und Henriette Heppe, geb. Soldan, Geschichte der Hexenprozesse, 1879; Neu bearbeitet und herausgegeben von Max Bauer, 1911, Müller & Kiepenheuer, Hanau, Band II, 25. Kapitel: Christian Thomasius, Seiten 247 und 250
  2. Consilia Michaelis Crassi, in den Consilii Juridicorum Tubingensium, Tom. V, S. 705 f., 1733
  3. Der Hexenprozess und die Blutschwitzer-Prozedur, zwei Fälle aus der Kriminal-Praxis des Kantons Zug aus den Jahren 1737 – 1738 und 1849, Zug, 1849, Dettling, Schwyz, S. 60 f.
  4. L’Atto publico di fede solennemente celebrato nella città di Palermo à 6. Aprile 1724 dal Tribunale del S. Uffizio di Sicilia. Descritto dal D.D. Antonino Mongitore, Canonico etc. Palermo 1724. – Reusch, Theologische Literaturblätter 1873, Nr. 3

Siehe auch

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