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Rechtsphilosophisches Fallgutachten "KZ Neusustrum" (de)

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Der Analyse des Gefangenendilemmas von Neusustrum mit Hilfe der modernen Spieltheorie folgt nun noch das Fallgutachten:

Zur ersten Frage:

Wie kam die Willensbildung zur Kooperation bei den Gefangenen zustande - war es eine moralische Gewissensentscheidung und/oder rationale Vernunftwahl?

Die moralische und die ökonomische Wahl scheinen beim existenziellen Gefangenendilemma einiger Häftlinge im KZ Neusustrum 1940 miteinander zur Synthese verschmolzen zu sein. Das natürliche hormonelle Überlebensprogramm des menschlichen Körpers war bei den KZ-Gefangenen durch ihre Todesangst aktiviert. Das rationale Denkvermögen konnte in dieser Situation nicht mehr dominant bleiben. Es lernte, sich unter äußerem Zwang den Lebensbedingungen im Konzentrationslager anzupassen, und fand in einzelnen Fällen durch individuelle Gewissensentscheidungen zum praktischen Altruismus als bevorzugter, weil besserer Überlebenslösung. Einzelne Überlebende konnten trotz der schrecklichen Erfahrung von Unmenschlichkeit und potenziell tödlich endender Zwangsarbeit - wie naturgegeben und doch in freier Entscheidung für das Leben - in Brüderlichkeit zusammenfinden. Sie überwanden ihre natürlichen egoistischen Antriebe selbst - ohne äußerliche normativ-moralische Ansagen. Sie hörten auf ihr eigenes inneres Gewissen und gehorchten scheinbar zugleich äußerlich ihrer sadistischen Wachmannschaft. So blieben sie selbst in der größten Zwangslage als Menschen innerlich freiheitsfähig.

In der Sprache der wissenschaftlichen Spieltheorie wird das Strategiepaar [Kooperation, Kooperation] auch Gleichgewicht genannt. Es könnte in diesem hier beschriebenen Fall das „Gleichgewicht des Überlebens“ genannt werden, verursacht durch eine selbst verschuldete existenzielle Krise der Menschheit. In logisch-empirischer Betrachtung erscheint die humane Entscheidung zur Kooperation unter Zwangsverhältnissen dann gleichzeitig rational, denn Überleben von möglichst Vielen ist im Licht der natürlichen Zentralnorm „Weiterleben (1) ist besser als Sterben (0)“ das eindeutig bessere Ergebnis.

Die wissenschaftliche Fallanalyse eines existenziellen Gefangenendilemmas im KZ Neusustrum könnte als Antithese dienen zu Thomas Hobbes’ Theorie vom menschlichen Naturzustand, in dem – laut Theorie - bis in alle Ewigkeit stets aufs Neue naturgesetzmäßige Kriege zwischen den Menschenvölkern ausbrechen sollen. Krieg ist nach dieser Theorie der natürliche Zustand von Menschen ohne Gewissen oder Moral unter dem „Recht“ des jeweils Stärksten.

Die Antithese zu diesem pessimistischen und archaischen Menschenbild des englischen Staatstheoretikers Hobbes (1588 – 1679) stellt die mit Hilfe der Spieltheorie sozialwissenschaftlich darzustellende „göttliche“ Naturmoralität des Menschen dar, die sich in existenziellen Krisen zwischen Menschen von selbst entwickeln kann. Auch brüderliche Kooperation kann demnach schon im Naturzustand der Menschenvölker auftreten. Es handelt sich dabei um einen „höheren“ d.h. genialen menschlichen Naturzustand der Rechtlosen, der Sklaven, der Opfer, die einer totalen Macht unterworfen sind und das auch wissen. Die totale Macht, die die Völker unterdrückt, könnte über uns Menschen auch jederzeit in Form einer Naturkatastrophe ohne sichtbare menschliche Beteiligung hereinbrechen. Daher gibt es immer zwei gegensätzliche, aber sich notwendig ergänzende Perspektiven, unter denen man den Naturzustand der Menschen gendergerecht zwiefältig betrachten sollte: die „naturrechtliche“ oder typisch männliche und die „naturmoralische“ oder typisch weibliche Perspektive. Im ersten Fall übt ein Terrorregime die totale Macht aus, im zweiten Fall tut dies die durch Natur und/oder Menschen ausgelöste Katastrophe.

Zur zweiten Frage:

Gäbe es mögliche logische Auswirkungen auf die Rechtsprechung, falls die praktische Vernunft als natürliches menschliches Phänomen international anerkannt werden würde?

Wird eine Gruppe von Menschen in einen durch eine Katastrophe verursachten naturmoralischen Zustand versetzt und dadurch zur Kooperation genötigt, werden die menschlichen Intuitionen der Folgenoptimierung (= ökonomische Rationalität) und der Prinzipienorientierung (= moralische Rationalität) zu einer einzigen Intuition, die da lautet: „Wir helfen uns gegenseitig, so gut wir können, zu überleben“.

Für den Einzelnen ist das zwar immer noch keine rationale Wahl, aber für die Gattung Mensch ein Ausdruck ihrer praktischen Anlage zur Vernunft. Der deutsche Philosophieprofessor Immanuel Kant (1724 – 1804) setzte die beiden menschlichen Intuitionen in seinen Werken „Kritik der reinen Vernunft“ und „Kritik der praktischen Vernunft“ formal in einen scharfen Gegensatz, der aber so krass wohl nur für den rechtlichen (bürgerlichen) Zustand, nicht für den Naturzustand des Menschen gilt. Im Naturzustand synthetisieren diese beiden Intuitionen - wie vorstehend beschrieben - miteinander zu etwas Neuartigem: zu einer dritten menschlichen Intuition. Man sollte demnach bei der philosophischen Betrachtung der menschlichen Vernunft zwischen dem Naturzustand und dem rechtlichen Zustand der Menschen genau unterscheiden. Es gelten in beiden Zuständen unterschiedliche Regeln für die Bildung von Präferenzen. Im Naturzustand orientiert sich ein Mensch eher nach allgemein und sozial anerkannten Prinzipien (= Gewohnheitsrecht), im rechtlichen Zustand eher nach egoistischen Interessen. Beides ist hier völlig wertfrei, also rein formal zu verstehen. Die jeweiligen Inhalte von Prinzipien und Interessen werden vom einzelnen Menschen und seiner Gemeinschaft bestimmt.

Daher kann der ideale kantische Akteur, der sich im rechtlichen („bürgerlichen“) Zustand befindet und dadurch erst die Möglichkeit hat, mit freier Urteilskraft zwischen Folgenoptimierung und Prinzipienorientierung zu unterscheiden, auch eine ökonomisch-rationale Lösung wählen. Auf diese Weise wäre der Gegensatz zwischen den beiden widersprechenden Paradigmata in der mit praktischer Vernunft durchgeführten Einzelentscheidung eines frei urteilenden Menschen aufgehoben. Dieser frei urteilende Mensch kann zwischen unverträglichen Streitparteien gut vermitteln, da er nicht befangen ist. In der modernen deutschen Rechtswissenschaft der Nachkriegszeit nennt man diese menschliche Kompetenz der inneren Unabhängigkeit die „Befähigung zum Richteramt“. Sie stellt einen sehr hohen, fast ideellen Anspruch an die akademische Juristenausbildung, der sich in Deutschland durch die beschämenden Erfahrungen im Dritten Reich herausgebildet hat.

In der bundesdeutschen Rechtsprechung nennt man den individuellen richterlichen Synthesevorgang freie Urteilsfindung. Es ist ein geistiger Balanceakt der Richterschaft zum Wohl der Gerechtigkeit im Staat. Der Artikel 97 Absatz 1 des Deutschen Grundgesetzes soll diese richterliche Freiheit verfassungsrechtlich garantieren und zugleich einfordern! Somit kann das Gerichtswesen der Bundesrepublik Deutschland in seiner heutigen Erscheinung als ein Ausdruck der – durch die Katastrophe des NS-Regimes - gelernten kollektiven Rationalität des deutschen Staatsvolkes betrachtet werden. Und die praktische Vernunft aller guten Staatsbürger und Staatsbürgerinnen würde nach dieser Rechtstheorie verlangen, dass sich alle individuellen Handlungen aller Handelnden in eine geordnete Struktur kollektiven Verhaltens einbetten lassen. Jede rationale Person sollte außerdem diese Struktur des Staates akzeptieren können. Dazu sollten dann die bundesdeutschen rechtsstaatlichen Gesetze und Normen verhelfen. Dieses alles empfiehlt uns der Kategorische Imperativ nach Immanuel Kant in seiner modernen und zeitgemäß aufgeklärten Auslegung. Seine allgemeine Formvorlage könnte speziell für die Praxis von Richtern und Richterinnen probeweise folgendermaßen umformuliert werden:

„Finde Dein Urteil so, dass die daraus folgenden Handlungen der Streitparteien weitgehend kooperativ sind, ohne dass auch nur eine Partei ihre Glaubwürdigkeit oder ihr Selbstinteresse völlig preisgeben muss.“

Siehe auch

De flag.png Den Begriff Kategorischer Imperativ im deutschen juristischen Web finden